Reiseserie: Während die Dworschaks fliegen, erschüttert die Welt

Einschneidendes Erlebnis

Sie waren in mehr als 50 Ländern, aber vor allem diese eine Reise werden sie nie vergessen: Eva und Werner Dworschak vor der Skyline von Vancouver, kurz nach den Anschlägen am 11. September 2001. repro: paul
+
Sie waren in mehr als 50 Ländern, aber vor allem diese eine Reise werden sie nie vergessen: Eva und Werner Dworschak vor der Skyline von Vancouver, kurz nach den Anschlägen am 11. September 2001. repro: paul

Reisen ist ihr Hobby. China, Australien, Südafrika, Chile: Die Dworschaks haben viel von der Welt gesehen, waren auf allen Kontinenten und in mehr als 50 Ländern. Klar, dass Eva und Werner Dworschak unzählige Geschichten auf Lager haben, die sie zu unserer Sommerserie „Als Reisen noch einfach war“ beisteuern könnten.

Mühlheim – Etwa von ihrer ersten großen gemeinsamen Reise 1976, als sie in Moskau und Leningrad einen Blick hinter den Eisernen Vorhang warfen. Oder wie sie bei Windstärke elf auf der Aida vor Fuerteventura von einem Deck zum anderen geschleudert wurden.

Zur Zeit des Terroranschlags über Island

Doch eine Reise hat sich besonders eingebrannt, ist sie doch mit dem Tag verbunden, der die Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts nachhaltig erschüttert hat – mit dem 11. September 2001. Wohl jeder Mensch weiß bis heute genau, was er an jenem Dienstag zum Zeitpunkt der Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon gemacht hat. Eva und Werner Dworschak sitzen in einer Lufthansa-Maschine Richtung Vancouver, als Terroristen Flugzeuge in die Zwillings-Türme New Yorks steuern und das Leben von etwa 3000 Menschen auslöschen. Doch der Urlaub, der mit Angst und Unsicherheit beginnt, hat für die Mühlheimer ein Happy End. „Es war eine wunderschöne Reise“, schwärmt Eva Dworschak fast 20 Jahre später. Es hätte aber auch anders kommen können.

Eine Zehn-Tages-Tour durch Kanadas Westen steht auf dem Plan, als die Dworschaks morgens in Frankfurt losfliegen. Alles beginnt normal für das reisefreudige Paar. Ungewöhnlich ist jedoch, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt keinen Service mehr auf dem Flug gibt. „Bei der Lufthansa gibt es sonst immer was zu essen, das war schon komisch“, erinnert sich Eva Dworschak. Auch fallen dem Paar verweint aussehende Stewardessen auf. „Wir dachten, die haben sich gestritten“, sagt Werner Dworschak.

Im Nachhinein findet das Paar heraus, dass sie zum Zeitpunkt des ersten Anschlags etwa über Island waren. Auch haben die Dworschaks später erfahren, dass die Lufthansa den Pilot zur Umkehr nach Frankfurt angewiesen haben soll. Der landet die Maschine aber in Vancouver.

„Jeder war in sich gekehrt, einige Passagiere haben geweint“

Da wissen die Passagiere immer noch nicht, was die Welt während ihrer Atlantiküberquerung erschüttert hat. Ein Handy haben damals die wenigsten, mobiles Internet ist Zukunftsmusik. Der Luftraum ist zu dem Zeitpunkt längst abgeriegelt, der Lufthansa-Flieger der letzte, der auf dem Vancouver International Airport landen darf.

Etwa 25 Minuten bleibt das Flugzeug auf dem Rollfeld stehen. „Keiner wusste warum“, erzählt der ehemalige Mühlheimer Stadtrat. Dann, nach langer Ungewissheit, macht der Pilot die erschreckende Durchsage, erzählt, was in den USA passiert ist. „Es war minutenlang so still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können“, sagt Eva Dworschak. „Jeder war in sich gekehrt, einige Passagiere haben geweint.“ Im Winter 2000 reiste das Paar noch selbst nach New York, blickte von einem der Zwillingstürme auf Big Apple hinunter. Unbegreiflich für das Paar – die ganzen Toten, die Zerstörung, dort, wo sie noch vor Kurzem zum Christmas Shopping waren.

„Wenn ich daran denke, wie viele Menschen an dem Tag gestorben sind – schrecklich“

Kanadische Soldaten mit Maschinengewehren empfangen die erschütterten Passagiere direkt nach der Landung. „Das Flughafengebäude war leer“, schildert Werner Dworschak die gespenstische Stimmung, auch der Reiseleiter nicht aufzufinden. Das Paar lotst sich mit viel Glück und Schulenglisch zum Hotel. Dort sehen sie die Fernsehbilder, begreifen erst richtig, was den Tag über passiert ist. „Wir hatten Angst, wie reagiert George W. Bush jetzt, gibt es einen Krieg, wie kommen wir nach Hause?“, fasst Werner Dworschak die Gefühlslage zusammen. Auch macht sich das Paar Sorgen um die Tochter, die zeitgleich nach Mexiko geflogen ist. Die zweite Tochter in Frankfurt wiederum sorgt sich, weil sie von den Eltern noch nichts gehört hat. Eva Dworschak verbringt den ersten Abend in der Hotellobby, wartend auf ein freies Telefon. Da am nächsten Tag auch der Reisebus für die Gruppe nicht losfahren darf, weil der Reiseleiter in Montreal festsitzt, erkunden die Dworschaks Vancouver auf eigene Faust. „Wir kannten uns da besser aus als in Offenbach“, sagt Werner Dworschak und lacht. Eine Reiseleiterin springt am dritten Tag in die Bresche und die Tour durch Kanadas Westen inklusive Hubschrauberflug über die Rocky Mountains kann doch noch starten.

Der Rückflug verläuft abgesehen von strengen Sicherheitskontrollen ganz normal. Flugangst hat das Paar anschließend nicht, schwört aber heutzutage auf Kreuzfahrten. Wenn die Pandemie es zulässt, geht es nächstes Jahr mit dem Schiff nach Grönland und Island. Auch das One World Trade Center möchten sich die Mühlheimer anschauen, denn den 11. September 2001 werden sie nie vergessen. „Wenn ich daran denke, wie viele Menschen an dem Tag gestorben sind – schrecklich“, sagt Eva Dworschak. „Da läuft es mir jedes mal eiskalt den Rücken hinunter, das war ein einschneidendes Erlebnis.“ (Ronny Paul)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare