Plötzlich wackelte die Straße

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So sah das Hotel Stonehurst in der Innenstadt von Christchurch am Dienstag nach dem schweren Erdbeben aus.

Mühlheim - Als am Dienstag um kurz vor 13 Uhr Ortszeit in Neuseeland die Erde bebt, sitzt Michael Höhn im Zentrum der Stadt Christchurch im Café. Von Heiko Wiegand

Der demnächst 25-jährige Mühlheimer ist am 1. Dezember in das Land auf der anderen Seite der Erde aufgebrochen, will ein Jahr bleiben, dort leben und arbeiten. „Glücklicherweise ist ihm außer ein paar Blessuren nichts passiert“, berichtet Mutter Ingrid Adam-Höhn im Gespräch mit unserer Zeitung. „Im ersten Schock hat er mir am Telefon gesagt, er wolle so schnell wie möglich nach Hause kommen. Aber er hat sich dann schnell beruhigt.“ Michael hat nach Auskunft der Mutter spontan dabei geholfen, im stark zerstörten Zentrum der 350.000-Einwohner-Stadt Verletzte zu verbinden und auch Tote zu bergen.

Nach Agenturangaben waren gestern immer noch mehr als 300 Menschen vermisst; die Zahl der Toten ist zwischenzeitlich auf mindestens 75 gestiegen. „Das Haus, in dem Michael mit einem Freund gelebt hat, ist nicht mehr bewohnbar. Lediglich das Bad ist unversehrt“, berichtet die Mutter von Telefonaten mit ihrem Sohn. Derzeit ist Michael Höhn telefonisch schwer erreichbar, nach Angaben des Freundes befindet er sich auf dem Weg in Richtung Norden.

Dieser Freund heißt Christian Heep und kommt ebenfalls aus Mühlheim. Gestern früh hatten wir die Möglichkeit, ihn für sechs Minuten auf seinem Handy zu erreichen.

Michael Höhn erlebte das Beben in der Innenstadt mit.

Heep, im selben Alter wie Michael Höhn, befindet sich zum Zeitpunkt des Erdbebens nicht im Zentrum von Christchurch, „sondern vielleicht 15 Minuten Fußmarsch davon entfernt. Ich habe genau in der Minute, als es los ging, gerade im Auto gesessen.“ Das, was er in den folgenden Sekunden und Minuten erleben sollte, beschreibt Christian Heep als „komplett unglaublich. Ich bin auf dem Autositz hin- und her gerüttelt worden wie beim Bull-Riding auf dem Jahrmarkt, wenn man sich auf einen Plastiksattel setzt und das Ding irgendwann so schnell dreht und rüttelt, dass man runterfällt.“ Ja, da bekomme man schon Angst, „wenn vor einem eine komplette Straße wackelt und die Laternen gleich noch mit dazu.“ Kurze Zeit später hätten Autos in metertiefen Löchern gelegen. „Man kann sich das gar nicht so vorstellen. In Mühlheim ist die Erde unter einem schließlich fest.“ Auch Christian Heep kommt mit dem Schrecken davon, verletzt sich glücklicherweise nicht. In dem Haus, in dem die beiden jungen Mühlheimer bis zuletzt zusammen gelebt haben, hat Heep gerade ein Bad renoviert. „Das ist das einzige, was von diesem Haus stehen geblieben ist“, lacht er am Telefon. Ansonsten seien ganze Wände in sich zusammengefallen wie bei einem Kartenhaus.

Interessanterweise habe das Erdbeben nur im Stadtzentrum wirklich schwere Zerstörungen angerichtet. „Sobald man aus der City draußen ist, sind an den Häusern kaum noch Schäden zu erkennen“, berichtet der junge Mühlheimer live aus dem Erdbebengebiet. Dann hört man in der Leitung nur noch Rauschen, bis die Verbindung in das 23500 Kilometer Land zusammenbricht.

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