„Stunde Null“ schmerzhaft greifbar

Die Zeit der Angst

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Beim Erzählcafé zur Nachkriegszeit (von links): Adolf Fischer, Anni Willamowski, Ingeborg Fischer, Karl-Heinz Stier, Gerda Brinkmann und Klaus Roth.

Mühlheim - Die Kiste Schmalz im Keller gleicht einem Lottogewinn, ein Lagerwärter spürt die Rache seiner Opfer und das Leben bestimmt eine Atmosphäre der Angst. Von Stefan Mangold 

Der Geschichtsverein hat unter dem Titel „Hamstern, Wohnungsnot und Währungsreform“ Mühlheimer Zeitzeugen der „Stunde Null“ zum Erzählcafé ins Heimatmuseum eingeladen. Karl-Heinz Stier spricht von einem „außergewöhnlichen Erzählcafé“. Es geht um die Jahre, nachdem das „Tausendjährige Reich“ sein Ende gefunden hatte und es auch für die meisten Mühlheimer nur noch darum ging, den Hunger zu besiegen: „Darüber wird kaum noch geschrieben und noch weniger gesprochen.“ Um die Zeit zu beleuchten, luden Karl-Heinz Stier und Co-Moderatorin Ingeborg Fischer Zeitzeugen aus allen Stadtteilen ein.

„Wir hatten die letzten Kriegstage im Keller geschlafen“, erinnert sich Gerda Brinkmann. Als das siebenjährige Mädchen im Schlafanzug, den Stimmen folgend, die Treppen hoch stieg, erlebte es einen Kulturschock: Weiße und schwarze Männer lagen im Schlaf- und Wohnzimmer herum, im Bett und auf dem Tisch mit Stiefeln, „ich könnte die heute noch sortieren“. Klaus Roth aus Lämmerspiel spricht von einem Hin und Her, als die deutschen Soldaten schon weg waren und die Amerikaner noch nicht da, „erst hing die weiße Fahne, dann hieß es ‘schnell wieder rein, die SS kommt’“. Im anfahrenden Militärwagen saßen jedoch Amerikaner. Die stoppten vor St. Lucia. Der fließend Englisch und Französisch sprechende Pfarrer hatte im Lucia-Sälchen Franzosen versteckt, die er nun herausholte. Freudig begrüßten sich Befreier und Befreite.

Roth erzählt, wie die Amis sein Elternhaus bezogen und die eingemachten Gläser mitnahmen, „im Gegenzug stellten sie uns aber die ganze Treppe mit ihren Rationenpäcken voll“. Adolf Fischer berichtet von den Russen, die zu hunderten aus dem Gefangenenlager strömten. Einer ihrer ehemaligen Wachmänner bekam die Quittung für seinen Sadismus, „die prügelten ihn durch die Straßen. Die Amerikaner schauten zu“. Fischer erzählt von seinem Vater, als er stolz nach Hause kam. Auf dem Schwarzmarkt in Frankfurt hatte der Mann zwei Pfund Butter erstanden. Von „ordentlich Butterbrot essen“ war die Rede. Daraus wurde nichts, „außen war Butter, innen Knüppel“. Die Fischers mussten den Amerikanern ihr Haus überlassen. Als Neunjähriger schlich sich sich Adolf über den Keller ins Wohnzimmer, setzte sich an einen gedeckten Tisch und probierte von allem, „von den Bananen und vom Cola, bis mich einer von hinten griff“. Für eine Nacht sperrten sie den Buben in den Bunker. Am nächsten Tag bekam Adolf den Kopf rasiert. Vor Zorn sei er wieder ins Elternhaus und habe 25 Kilo Kaffee geklaut. Als ihn die Oma im Ausweichquartier mit dem Sack im Hof sah, rief sie „Wir werden alle erschossen“.

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Das passt zu dem, was Gerda Brinkmann formuliert: „Alles, was du machtest, war von Angst besetzt“. Stets herrschte die Angst, „es kommt einer und nimmt dir dein Zeug ab“. In der Familie sei jemand mit dem Rad unterwegs gewesen und habe den Ehering abgenommen bekommen. Die Mutter habe große Angst gespürt, als es Gerdas älterem Bruder gelang, von einem Güterwagen eine ganze Kiste Schmalz zu bergen, „die vergrub sie im Keller“. Angst vor sexuellen Übergriffen seitens der Amis hatte die damals 18-jährige Anni Willamowski aus Dietesheim hingegen nicht, „die benahmen sich“. Darben musste Anni nicht. Die Eltern hatten einen Bauernhof und einen Lebensmittelladen. In der Familie hieß es, „wenn wir nichts mehr haben, sind alle verhungert“. Ingeborg Fischer vergleicht das mit Offenbach, wo sie mit ihrer Mutter lebte, „es gab vertrocknete Kartoffeln, vertrocknete Karotten, das war‘s.“ Der Bruder von Gerda Brinkmann vergeigte später die Pluspunkte, die er mit der Schmalzkiste gesammelt hatte. „Unsere Mutter weinte vor Enttäuschung“ – der junge Mann hatte ein Täfelchen Schokolade gegen ein paar Zigaretten getauscht.

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