Wie aus Spott Kirche wurde

Evangelisch-methodistische Gemeinde kam vor 20 Jahren

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Ihr heutiges Mühlheimer Domizil am Südring bezog die evangelisch-methodistische Gemeinde im Jahr 1998.

Mühlheim - Die evangelisch-methodistische Gemeinde feiert diesen Sonntag ihren 20. Geburtstag in Mühlheim. Wer die Christen finden will, orientiert sich nicht an einem Kirchturm. Er folgt Wegweisern ins Gewerbegebiet am Südring. Doch der Blick in die Gemeinde lohnt, sowohl auf ihre beiden Dekaden vor Ort als auch auf die überraschenden Wurzeln. Von Marcus Reinsch

Eine Kirche im Gewerbegebiet, zwischen Autohäusern, Gartenmarkt und Friedhof? Gibt’s in Mühlheim. Und zwar schon seit 20 Jahren, was an diesem Sonntag mit Gottesdienst und viel Drumherum gefeiert wird. Als die evangelisch-methodistische Gemeinde im Jahr 1998 von Offenbach in ein zwischen all den Zweckbauten nicht besonders auffälliges Domizil am Mühlheimer Südring zog, war noch Wohnbebauung in relativer Nähe im Gespräch. Mehr Häuser, mehr Menschen, mehr Wachstumspotenzial, das war die Rechnung. Sie ging bekanntlich nur in bescheidendem Maßstab auf. Und das ist noch diplomatisch formuliert.

Aber natürlich können die Akteure der Gemeinde längst mit einem Lächeln auf ihre Anfänge in der Mühlenstadt blicken. Denn erstens war ihre Christuskirche damals für relativ kleines Geld zu haben – nicht unwichtig für eine Gemeinde, die sich nicht wie ihre großen Verwandten der Landeskirchenfamilie aus der Kirchensteuer finanziert, sondern aus Spenden und freiwilligen Gaben ihrer Gläubigen. Zweitens hat ein Paradestandort in einem reinen Wohngebiet ohnehin keine herausragende Bedeutung für die Freikirchler, weil ihr Einzugsgebiet über die Stadtgrenzen hinausreicht.

Bei den Evangelisch-Methodistischen gibt es drei sogenannte Konferenzen für Nord-, Ost- und Süddeutschland, quasi die Dachorganisationen. Dieses Trio ist in Distrikte unterteilt und die wiederum haben mehrere Bezirke, zu denen Gemeinden wie die in Mühlheim gehören. Vor dem Umzug hierher war die Gemeinschaft in einem Bezirk zuhause, zu dem Offenbach, Bergen-Enkheim, Nidderau und Dörnigheim gehörten. Doch die Heimstatt am anderen Mainufer wurde verkauft, und das Offenbacher Domizil in der Nähe des Wilhelmsplatzes war nicht mehr zu halten. Also Umzug und Zusammenlegung. Zur Mühlheimer Gemeinde gehört nun auch die aus Nidderau, wobei es dort weiterhin einen eigenen Predigtplatz gibt. Die Bezirksgottesdienste finden im Wechsel mal hier und mal dort statt.

Zusammengenommen haben beide Äste rund 100 Mitglieder. Das klingt nur nach wenig. Denn die Besucherzahlen in den Gottesdiensten bewegen sich auf einem Niveau, das in auf dem Papier viel größeren Christengemeinden keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Solcher Zuspruch liegt daran, dass die Mitgliedschaft anders als bei Landeskirchengemeinden eine bewusste Entscheidung und keine Frage der Taufe als Baby ist. Die Aufnahme ist mit einer Zeremonie verbunden, die „Entlassung aus dem kirchlichen Unterricht“ entspricht in etwa der Konfirmation.

Um die Wurzeln der diakonisch ausgerichteten Kirche zu berühren, muss man fast drei Jahrhunderte in die Vergangenheit reisen und kann doch im Heute bleiben. Die Geschichte von der Studentengruppe um die Engländer John und Charles Wesley, denen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einem eher lässigen Lebensstil frönende Zeitgenossen wegen ihres konsequenten Lebensstils die spöttisch gemeinte Bezeichnung Methodisten verpassten, könnte auch an einer Uni des Jahres 2018 spielen.

Kommunion und Konfirmation 2018 in der Region: Bilder

Die Wesley scherten sich nur insofern darum, dass ihnen das „Methodistisch“ gefiel. Neben dem intensiven Bibelstudium waren ihnen vor allem praktische Dienste an Armen, Kranken, Arbeitslosen und Gefangenen wichtig. Aus ihrer studentischen Bewegung wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine heute weltweit agierende Kirche. In Deutschland bekennen sich 52 000 Menschen in knapp 500 Gemeinen dazu. Rund um den Globus sind es rund 80 Millionen.

Evangelisch-methodistischen Ursprüngen begegnet man häufiger, als man sich bewusst macht. Das Frankfurter Bethanien-Krankenhaus beispielsweise läuft unter Regie der Freikirche. Und auch die erste Bausparkasse des Kontinents wird der Idee eines Methodisten zugeschrieben. Der Drogist Georg Kropp erwarb anno 1921 mit den Ersparnissen seiner schwäbischen Frau kurz vor der großen Geldentwertung im baden-württembergischen Wüstenrot ein primitives Bauernhäuschen. So wollte sich die Kleinfamilie endlich eine eigene Heimstätte schaffen. Niemand ahnte, dass dadurch in Wüstenrot ein neues Kapitel europäischer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte aufgeschlagen würde, denn daraus entwickelte Georg Kropp seine Bausparidee.

Das ist Geschichtsschreibung. In der Gegenwart schätzt Ingrid Stahl, die für die Mühlheimer Gemeinde die Öffentlichkeitsarbeit übernommen hat, an der Gemeinschaft „das Persönliche, das Familiäre“. Dass sich die Besucher kennen und unbekannte Gesichter schnell bekannte werden. Dazu trägt auch bei, dass das Repertoire der Kreise jenseits der Gottesdienste durchaus üppig ist. Es gibt etwa Band, Bibelkreis, Flötenkreis, Wandergruppe, neuerdings auch das Überraschungskino. Und donnerstags vor allem das für seine Torten weithin bekannte Café Zeit, wo Gespräche möglich, aber nicht Pflicht sind.

Als Randerscheinung fühlen sich die Freikirchler sowieso nicht. Neben dem grundsätzlich gemeinsamen Glauben mit allen Christen gibt es stabile Berührungspunkte mit anderen Gemeinden. Im Singkreis sind beispielsweise auch Mitglieder der evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, bei der ökumenischen Dekanatsradtour wird die evangelisch-methodistische Gemeine Station sein, bei der „Nacht der offenen Kirchen“ war sie es schon.

Geburtstag

Die evangelisch-methodistische Kirche begeht ihren 20. Geburtstag in Mühlheim an diesem Sonntag, 22. April, unter anderem mit einem Festgottesdienst. Er beginnt um 14 Uhr in ihrer Christuskirche (Südring 30). Im Anschluss ist jeder eingeladen, mit den Christen zu feiern.

Gemeinde

1894 startete die Gemeindearbeit der Methodistenkirche in Offenbach mit einer Sonntagsschularbeit. Die Gemeinde wuchs, spielte sich in der Hospitalstraße und ab 1910 in der Wilhelmstraße ab. Nach dem Umzug aus Offenbach wirkten im „neuen“ Mühlheimer Bezirk die Pastoren Klaus Liesegang, Martin Waitzmann, Chy My Nguyen, und Rüdiger Kraft. Seit 2013 ist Matthias Johannes Schultheis Pastor. Zum Bezirk gehört auch Nidderau. Zusammen gibt es etwa 100 Mitglieder plus Angehörige und Freunde. Die Gemeinde zeigt sich auf emk-muehlheim.de.

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