Nicht nur Lockruf an Schwulenszene

Fastnacht in Rosa für jedermann

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Rene, auch in der klassischen Mühlheimer Fastnacht mit Rolle, lässt Hüften kreisen, dass Mannen das Unterscheiden schwerfällt.

Mühlheim - Auf der Bühne stehen vier junge Männer mit freien Oberkörpern. Durchtrainierte Typen, nur Muskeln, null Speck. Kerle, die im Duktus des schwulen Comic-autoren Ralf König unter „Sahneschnitten“ firmieren. Von Stefan Mangold 

Heterosexuelle sollten eigentlich froh sein, wenn solche Männer das eigene Geschlecht den Frauen vorziehen. Das schafft arge Konkurrenz vom Hals. Was nicht jeder so sieht, sonst würde das russische Parlament keine diskriminierenden Gesetze verabschieden und kein Rapper homophobe Reime abschütteln.

Ansonsten haben sich die Zeiten gewandelt. In Mühlheim sowieso, wo „Gerdas kleine Weltbühne“ am Montag in der Willy-Brandt-Halle die vierte Rosa-Wölkchen-Sitzung inszeniert, zum ersten Mal in der Mühlenstadt. Die Halle ist knallvoll und knallbunt, das Publikum durchmischt. Als die Sängerin Nicole „Que Sera Sera“ von Doris Day vorträgt, schunkeln brave Familienväter mit Burschen, die wissen, wie es im Darkroom zugeht. Statt Helau oder Gut Stuss ruft Jürgen Peusch alias Jutta P. immer wieder „Gay is scheei“. Das retournieren die vielen Frauen und auch jene im Saal, die ihr Bier vielleicht im Vereinsheim ihres Fußballclubs trinken, auf keinen Fall jedoch in Frankfurter Szenekneipen wie Schwejk oder Central. Wahrscheinlich jedenfalls. Denn ein Irrtum ist nie ganz ausgeschlossen bei der Antwort auf die Frage, wer schwul ist und wer nicht.

Auf Bodo Bach würde niemand tippen. Dem fehlen die gewissen Schlenker in der Gestik. Jutta kündigt Bodo als „heterosexuelle Tunte“ an. Der urhessische Komiker tritt im rosa Frack auf die Bühne. Bach behandelt Probleme, die Männer beider Orientierung berühren. Den Haarausfall, der nicht jedem so trefflich stehe wie Bruce Willis - oder die Frisur im Intimbereich.

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Zwischendurch tritt René Rexhausen auf, stets als singende Frau mit betont weiblichen Bewegungen. Manchen Hetero beschleicht bei dem Anblick vielleicht der Gedanke, „ganz ungeil schaut das nicht aus“. Worauf Corny Littmann aufbauen könnte. Ein Schwuler, der Viererkette und Abseits erklären kann. Der Chef des einst in Mühlheim gastierenden Hamburger Schmidt Theaters war Präsident vom FC St. Pauli. Littmann empfiehlt Heteros zu konvertieren. Aus Kostengründen. Denn um mit einer Frau in der Kiste zu landen, sei ein finanzieller Kraftakt mit ungewissem Ausgang nötig. „Wie viel Drinks in Deinem Leben hast Du schon vergebens ausgegeben?“ In der Tat, zwischen Aufwand und Ertrag klafft allgemein eine Lücke. „Werdet schwul, ich rat‘s im Guten, sonst werdet ihr noch ewig bluten“, rät er jenen, die beim Anblick eines Männerkörpers eher Ödnis empfinden.

Rosa Wölkchen-Sitzung in Mühlheim: Bilder

Rosa Wölkchen-Sitzung in Mühlheim

Hart geht Gerda mit der eigenen Erscheinung ins Gericht. Im Leben außerhalb der Frauenrolle ist Gerhard Stein, Schöpfer der Weltbühne, der Gatte von Jürgen Peusch. Ein Besuch im Pornokino kommt für Gerda nicht mehr in Frage, „sechsmal musst‘ ich mich umsetze, bis ich belästigt wurd“. Kritisch fällt der Blick auf die eigene Physis, „wer mich naggisch sieht, isst kein Schweinefleisch mehr.“

Das ist nicht die Bühne. Das ist ein Publikum, das der Lust an der Verwandlung freien Lauf lässt.

Ansonsten singt Stefan Heim Lieder von Udo Jürgens und Costa Cordalis, Johnny Boy parodiert besonders Tina Turner täuschend echt, Stefan Orf gibt eine Domina, deren Dilettantismus für einen Kunden in Lebensgefahr mündet. Für den legendären Hausmeister Begge Peter endet eine Sause auf die Reeperbahn im Fiasko, auf Olga Orange wirkt ihr Name total natürlich. Und der Hund von Bauchredner Heiko Wohlgemut wähnt sich leichter zu überzeugen als eine Frau: „Mich musst Du nicht besoffen machen, um mich ins Bett zu bekommen.“

Prominente Gäste bei Rosa Wölkchen-Sitzung

Prominente Gäste bei Rosa Wölkchen-Sitzung

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