Vom Vermittler zum Ritter

Ehrung für Verdienste um  die Integration

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Voller Stolz präsentiert Ferdinando Tallarico die Urkunde, die seinen Rittertitel dokumentiert.

Mühlheim - Dr. Ferdinando Tallarico agierte Jahrzehnte in Mühlheim als Lehrer und Mittler zwischen den Kulturen. Im vergangenen Sommer verlieh ihm Italien den Titel eines Ritters. Von Stefan Mangold

Dass Ferdinando Tallarico seit 46 Jahren in Deutschland lebt, rührt letztlich vom Film „La dolce vita“ von Regisseur Federico Fellini her. In dem Streifen steigt die schwedische Paradeblondine Anita Ekberg in Rom in den Trevi-Brunnen. Ferdinandos älterer Bruder Santo und seine Kumpels wollten sich damals überzeugen, ob Ekbergs Sex-appeal landestypisch sei. Die jungen Italiener fuhren nach Stockholm. Über das Ergebnis der Studienreise ist nichts bekannt, doch Santo nahm dort als Techniker eine Stelle an. Später ließ er sich von der Firma nach Hamburg versetzen.

Im Januar 1970 besuchte ihn Ferdinando in der Hansestadt. Damals fing gerade Willy Brandt als Bundeskanzler an, Günter Netzer schwebte durch die Tiefe des Raumes und die US-Armee bombardierte Vietnam. Ferdinando war 22 Jahre alt, verdiente sich in Pizzerien und Fabriken ein paar Mark und wollte dann wieder zurück nach Urbino, um weiter Literatur- und Geschichtswissenschaften zu studieren. Doch Ferdinando Tallarico erfuhr über Kontakte zum Konsulat, sein Land suche in Deutschland Lehrer, um Gastarbeiterkinder auf Italienisch zu unterrichten. Am 13. April fing er in Mühlheim an. „Von Integration sprach damals niemand“, erinnert sich der 68-Jährige. Die meisten italienischen Kinder besuchten vom eigenen Staat initiierte Ghetto-Klassen und erhielten gerade mal zwei Stunden Deutschunterricht pro Woche.

Damals ging er davon aus, sein Aufenthalt an der Goetheschule in Mühlheim werde in einer Rückschau irgendwann lediglich als biographische Randnotiz erscheinen. Doch zur Fastnacht ging Ferdinando Tallarico mit Freunden in die Offenbacher Stadthalle. Hinterher seien sich er und die blonde Frau einig gewesen: „Das war Liebe auf den ersten Blick.“ Gattin Hedwig Tallarico, die damals noch Hermes hieß, war Geschäftsführerin der Look-Boutique auf Sylt und gerade in der Dependance in Offenbach zu Besuch. Bald verlobten sich der Italiener aus einem Dorf in Kalabrien und die Frau aus Rheine im Münsterland, durch die sich erklärt, warum Sohn Giulio (28), der gerade an seiner juristischen Dissertation arbeitet, trotz hessischer Sozialisation einen norddeutschen Akzent spricht.

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Dr. Ferdinando Tallarico promovierte nach einem Fernstudium parallel zu seinem Alltag als Lehrer. Seine Arbeit behandelt ein Thema, das mittlerweile wirklich eins geworden war: die Integration von Italienern. Ab Mitte der siebziger Jahre lösten sich die rein italienischen Klassen auf. Eltern und deutschen Behörden schwante da längst, dass der Aufenthalt in Deutschland länger dauern werde als einmal gedacht. Tallarico, Gründer des Italienischen Familienvereins Mühlheim, unterrichtete dann nicht mehr alle Fächer nur an an der Goetheschule, sondern italienische Muttersprache und Geschichte im gesamten Kreis. Bis heute organisiert der Dozent der Volkshochschule Obertshausen Kulturreisen nach Kalabrien und in die Toskana.

Wenn Tallarico, der 1991 mit seiner Familie nach Steinheim zog, heute durch bestimmte Orte läuft, trifft er regelmäßig ehemalige Schüler. Manche sind selbst mittlerweile Oma und Opa. Tallarico war besonders in der starken italienischen Gemeinde von Mühlheim nicht nur Lehrer, sondern auch Mittler zwischen Kollegen, Behörden und italienischen Familien. Bei Klärungsbedarf kam er vorbei. Christoph Müller, Leiter der Friedrich-Ebert-Schule, nennt Tallarico einen „kompetenten Unterstützer im sozialen Umfeld der italienischen Mitbürger“. Das sieht der italienische Staat genauso. Im Auftrag des Präsidenten und des Außenministers verlieh der Konsul in Frankfurt Dr. Ferdinando Tallarico für seine Verdienste um Integration und Wahrung der eigenen Kultur im vergangenen Sommer den Rittertitel des „Cavaliere dell‘Ordine della Stella d‘Italia“. Den Orden hatte schon sein Vater erhalten. Tallarico hofft, „irgendwann bekommt ihn auch mein Sohn“.

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