Viel Lob für Authentizität

Feuerwehren üben in Flüchtlingsunterkunft für Ernstfall

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Alle waren sie beteiligt: Feuerwehren, Rotes Kreuz, DLRG, Polizei. Das Szenario war täuschend echt, die Herausforderung durchaus ebenfalls real.

Mühlheim - Es war nur eine Übung! Das ist es zum Glück meistens. Aber diesmal ist es wichtig, das zu betonen. Denn das leerstehende Gebäude, das Mühlheims Feuerwehren in den Mittelpunkt stellten, diente vor einigen Wochen noch als Flüchtlingsunterkunft. Aus bekannten Gründen eine sensible Konstellation. In zwei Wochen beginnt der Abriss, um Platz für Neues zu schaffen.

Nein, das ist noch nicht der Abrisstrupp. Die Fachleute, die mit Zerstörung ihr Geld verdienen, werden zwar auch mit Helmen und schwerem Gerät anrücken müssen, um die Gebäude kleinzukriegen. Aber noch nicht jetzt, sondern in zwei Wochen, wenn die Tage des Doppelwohnblocks in der Seewiese endgültig gezählt sein werden, weil Platz für Neues gebraucht wird.

Wer sich jetzt in Treppenhäusern, Fluren und Zimmern vortastet, sind Einsatzkräfte aller Mühlheimer Feuerwehren in voller Montur. Bis zuletzt hat Martin Deiß als Regisseur möglichst realitätsnaher Übungen auch vor fast allen eigenen Kameraden geheim halten können, dass der Feueralarm an diesem Abend kein echter ist. Es ist ein Angst-Szenario, das er da zusammengebastelt hat. Und bis vor wenigen Wochen wäre es schlicht der blanke Horror gewesen. Da war die Seewiese noch von Flüchtlingen bewohnt. Sie sind Ende letztes Jahr auf andere Mühlheimer Einrichtungen verteilt worden (wir berichteten).

Kein Zusammenhang zwar, wegen dem die Wahl für die Übung auf diese Mauern gefallen ist. Das lag eher daran, dass halbwegs intakte Immobilien, in denen Feuerwehren mal wirklich zu Feuer und Wasser und dank Ingo Ochsenreither von der Firma Stage-Light auch ansonsten tief in die Trick- und Effektkiste greifen können, ansonsten rar sind. Doch natürlich drängt sich Beobachtern zuerst die Frage auf, ob ausgerechnet im weltoffenen Mühlheim Rechtsradikale Feuer gelegt haben.

Haben sie nicht. Das Drehbuch, fasst Deiß zusammen, ging davon aus, dass zwei Kinder im Keller gezündelt und dann im zweiten Stock weitergemacht haben. Auf den Etagen liegen bewusstlose Jugendliche in Ochsenreithers schwarzem Rauch. Erschwert wird die Szene, als die Botschaft die Runde macht, dass auch ein Trupp unter Atemschutz zusammengebrochen ist und aus dem Gebäude gebracht werden muss. Und in einem der Zimmer wird neben den Pyroeffekten Sperrmüll entzündet.

Unter schwerem Atemschutz arbeiteten sich die Feuerwehrleute durch den Doppelwohnblock in der Seewiese.

Die drei Feuerwehren der der Stadt sind mit rund 60 Kräften und zehn Fahrzeugen vor Ort. Zudem Polizei, Rotes Kreuz, Ehrenamtliche von der DLRG. Zwei Brandschützer verletzen sich im Eifer des Gefechts leicht, werden behandelt, sind wieder fit.

„So haben wir noch nie geübt!“, bilanziert Deiß. Auch wenn stressige Momente die Übung begleiteten, hörten er und Jan Scheida als Organisatoren und Kreis- und Stadbrandinspektor als Eingeweihte viel Lob. Auch für die Authentizität. Denn einige Kameraden erkennen den Einsatz erst als Probe, als sie das verqualmte Haus unter schwerem Atemschutz wieder verlassen. (mcr/M.)

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Wohnbau: Das passiert jetzt in der Seewiese

Seewiese: Die Wohnblocks in der Seewiese hätten schon viel früher abgerissen werden sollen. Die städtische Immobilientochter Wohnbau ließ sie stehen, weil Wohnraum für Flüchtlinge knapp war. Die letzten Hilfesuchenden sind Ende vergangenen Jahres in andere Unterkünfte umgezogen. Wohnbau-Geschäftsführer Ingo Kison hat den Feuerwehren erlaubt, in den Gebäuden zu üben.

Abriss: Die Planung sieht vor, mit dem Abriss des Doppelwohnblocks am 6. Februar zu beginnen.

Neubauten: Als Erbbauberechtigte verfügt die Wohnbau GmbH über das 2700-Quadratmeter-Grundstück. Momentan befinde sie sich in der Planungs- und Bauantragserstellungsphase für zwei Mehrfamilienhäuser mit Erdgeschossen, ersten und zweiten Etagen für „einen bunten Mix aus je 19 Zwei-, Drei- und Vier-Zimmer-Mietwohnungen mit Aufzug und teilweise Barrierefreiheit, um die Interessen aller Generationen anzusprechen“. Abhängig von der Baugenehmigung könne Baubeginn voraussichtlich im Sommer dieses Jahres sein und Fertigstellung im Spätherbst des Jahres 2018. (mcr)

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