Die Flechte, der Staubwarner

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Peter Seifert zeigt im Wald anhand von Flechten und Algen, wie der Feinstaub der Flieger Luft und Botanik beeinfluss.

Mühlheim - Zu ihrem Einjährigen wandert Mühlheims Fluglärm-Initiative durch den Markwald und Peter Seiferts Wissen um den Feinstaub vom Himmel. Dass Schadstoffe hinter dem Krach eher die zweite Geige spielen, hält der Naturfreund für falsch. Von Stefan Mangold

Egal, was in der Natur passiert, irgendein Lebewesen profitiert auch von den finstersten Veränderungen. Als Musterschüler der Evolution gilt da die Flechte. „Eine Symbiose aus Alge und Pilz“, erklärt Peter Seifert von den Mühlheimer Naturfreunden.

Nur bestimmte Arten deuteten auf eine absolut unbelastete Luft hin. In Deutschland suche man die vergeblich. Flechten wachsen ansonsten auch an Stellen, die ganz sicher nicht im Verdacht stehen, Luftkurorte zu sein, „etwa in der Nähe von Hochöfen“. Und der Gau im Kernkraftwerk von Tschernobyl bedeutete für eine weitere Variante ein feines Leben: Die sogenannte „Trapelia involuta“ fühlt sich auf radioaktiv strahlendem Geröll pudelwohl.

Um Katastrophen solchen Ausmaßes geht es natürlich nicht, als die Bürgerinitiative „Mühlheim gegen Fluglärm“ zu ihrem Einjährigen vom Naturfreundehaus am Maienschein aus zum Rundgang durch den angrenzenden Wald startet. Weil es bald regnet und ein Gewitter droht, fällt der Vortrag von Peter Seifert kürzer als geplant aus. Der dreht sich nicht um den Krach am Himmel, den auch jetzt jeder hören kann, sondern um Partikel in der Luft, die sich durch Sinnesorgane nicht wahrnehmen lassen. In der Diskussion um den Flughafenausbau spiele die Luftverschmutzung deshalb eine untergeordnete Rolle. Was Seifert für fatal hält, weshalb er über Feinstaub referiert.

Aber nicht über solchen, den sich die Frachtarbeiter am Flughafen nach der Schicht aus der Nase schnäuzen und den Haaren waschen. „Die Flugzeuge sondern über uns Staub ab, der sich nicht wegwischen lässt“, erklärt der 64-jährige frühere Rettungssanitäter Seifert. Er hat sich seit der Kindheit mit Natur und Wald beschäftigt. In der Einflugschneise trete vermehrt spezieller Bewuchs auf, der auf entsprechende Luftverhältnisse hinweise. Algen und Flechten, die sich von Schwermetallen ernähren. Eine Pappel, die Seifert zeigt, wirkt, als habe sie jemand mit Rostfarbe bestrichen. Doch „es handelt sich um eine ‘Trentepohlia aurea’“. Eine Luftalge. Die tauche stets an der zur Sonne abgewandten Stammseite auf und auffällig häufig eben unter der Einflugschneise.

Wer zum Rundgang mit dem Auto vorgefahren ist, kann sein ökologisch schlechtes Gewissen relativieren. Um den Feinstaub einer Maschine während eines Fluges abzulassen, „müsste er mit seinem PKW dreihundertmal um die Erde fahren“. Die kleinsten Partikel des Abfalls der Kerosinverbrennung, sogenannte Nanoteilchen, stünden in Verdacht, „die Blut-Gehirn-Schranke überwinden zu können“. Wie sich das auf Dauer auswirke, „das kann sich jeder selbst ausmalen.“

Maria Büttner, eins der Sprachrohre der Mühlheimer Ausbaugegner, hat auch zum Geburtstag der Bürgerinitiative eingeladen. Natürlich kann die Frau mit den bisherigen Ergebnissen ihrer Aktivitäten, zu denen etwa die Befragung der Landtagskandidaten in der voll besetzten Willy-Brand-Halle im Juni gehörte, nur bedingt zufrieden sein. Schließlich muss es Ziel sein, montagabends frei zu haben und nicht mehr zu den Demonstrationen ins Terminal 1 zu müssen, weil die Gründe obsolet geworden sind. Doch solange kein Nachtflugverbot in der Zeit von zehn bis sechs Uhr herrscht, die jährlichen Flugbewegungen keine Grenze bekommen, solange der Bau des Terminals 3 aussteht, „solange machen wir weiter“.

Immerhin habe die Postkartenaktion der Bürgerinitiative einen Sitz in der Fluglärmkommission mit ermöglicht. Auf die Schreiben von Bürgermeister Daniel Tybussek hätten die Behörden teils mit Ignoranz reagiert. Auf die Landtagswahlen sei man zwar gespannt, doch auch eine Abwahl der jetzigen Regierung wäre kein sanftes Ruhekissen. Schließlich eilt besonders der SPD nicht unbedingt der Ruf voraus, Forderungen aus der Opposition in der Regierung pedantisch umzusetzen. Weshalb das Motto der nächsten Großdemonstration am 7. September in Wiesbaden lautet: „Wir haben keine Wahl“.

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