Auch zehn Holzhäuser und eine Leichtbauhalle sind geplant

Flüchtlingsunterbringung: Und jetzt doch das Zelt

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Die Streifenfundamente für die Leichtbauhalle in der Dieselstraße sind schon gegossen. - Fotos: M.

Mühlheim - Alle Domizile für Flüchtlinge in Mühlheim sind voll. Es wird neue geben. Zuerst in einem winterfesten Zelt neben dem Bürgerhaus, um den dringendsten Bedarf zu decken. Von Marcus Reinsch 

Später in zehn Holzhäusern für über 400 und mindestens einer Leichtbauhalle für 64 Menschen - plus die schon bekannten Befreiungsschläge in Gestalt von mehreren Neu- oder Umbauten. Es ist nicht das erste Mal, dass das Trauma-Wort Zelt im Zusammenhang mit der Unterbringung von Flüchtlingen in Mühlheim fällt. Doch bisher hatte es die Stadtspitze nur über die Lippen gebracht, um es von sich zu weisen. Das ist seit gestern anders. Die Stadt - momentan Heimat von 285 Flüchtlingen und noch dieses Jahr von voraussichtlich weiteren 660 - stellt ein Zelt auf den Festplatz neben der Willy-Brandt-Halle an der Dietesheimer Straße. Ende September soll es wieder verschwinden. Diese Zwischenlösung sei „nichts, was wir uns noch vor einigen Wochen vorgestellt hatten“, sagt Bürgermeister Daniel Tybussek. „Dass die Menschen aus einem Zelt in ein Zelt kommen, ist bitter. Wir sind darauf nicht stolz.“ Aber andere Lösungen seien so schnell nicht möglich.

Und auch in Sachen Um- und Neubau fester Domizile gibt es Neuigkeiten: Es existieren Pläne für den Kauf von zehn mehrstöckigen Holzhäusern. Außerdem entsteht eine Leichtbauhalle in der Dieselstraße. Hinzu kommen ebenfalls noch in diesem Jahr der bereits bekannte Umbau der „manroland“-Immobilie in der Borsigstraße, die Gemeinschaftsunterkunft der Wohnbau in der Schillerstraße und ein Neubau auf der Erweiterungsfläche des Friedhofs im Südring. Im Detail:

Das Zelt

Der Festplatz am Bürgerhaus wird Standort für das Zelt. Der Aufbau beginnt nächste Woche.

Theoretisch können in dem mit einer dreifachen Außenhülle, Holzboden und einer Ölheizung winterfesten Zelt an der Edeka-Seite des Platzes 140 Menschen hausen. Praktisch sollen es nicht mehr als 100 werden. Sie müssen dort bleiben, bis die ersten festen Zusatzquartiere in Mühlheim bezugsfertig sind. Die Vorbereitung für das Zelt hat bereits begonnen, der eigentliche Aufbau startet nächste Woche und kann voraussichtlich Ende Januar abgeschlossen sein. Derzeit werde mit Hochdruck an den Details der Ausstattung gearbeitet, sagt Tybussek. Sprich: Es wird hölzerne Abtrennungen zwischen jeweils vier Schlafplätzen geben. Keine Offenbarung, aber abschließbar und „allemal besser als Laken“, weil gut für ein Mindestmaß an Privatsphäre und damit für die Konfliktvermeidung. Drumherum gruppieren werden sich Duschen und Toiletten und Möglichkeiten zur Essenszubereitung.

Außerdem gibt es einen Zaun und rund um die Uhr einen Sicherheitsdienst. Das sorge dafür, dass jeder raus kann, aber nicht jeder rein. Zutritt sollen ausschließlich die Bewohner und die mit einem Ausweis ausgestatteten städtischen und ehrenamtlichen Helfer bekommen. Durch private Wohnungen dürfe ja auch nicht jeder Neugierige laufen. Vorerst noch grob geschätzte Kosten: Zeltmiete 2500 Euro pro Woche und einmalig 50 000 Euro für den Kauf der Einrichtung und 125 000 Euro für den von fünf Duschcontainern. Plus der Obolus für drei gemietete Toilettenanlagen und die Energie. Die Toiletten in der Willy-Brandt-Halle nebenan sollen die Flüchtlinge nicht benutzen. Denn dort gebe es in diesem Jahr 160 Veranstaltungen, weshalb keine verlässlichen Öffnungszeiten geboten werden könnten.

„Das Zelt wird am 30. September definitiv wieder abgebaut“, verspricht Tybussek. Diese Auskunft ist verlässlich, wie auch immer sich die Flüchtlingswelle in den nächsten Monaten noch entwickeln wird. Denn der Eigentümer des Zeltes habe es bereits verkauft; Mühlheim bekommt es nur bis zum Spätsommer geliehen.

Die Holzhäuser

Die zehn Bauten eines Herstellers aus Österreich darf man sich nicht vorstellen wie Gartenhütten. Sie sind zwei- bis dreigeschossig, wobei auf jedem Stockwerk vier Einheiten mit je vier Plätzen unterzubringen wären. Sprich: Alle Häuser zusammen hätten eine Aufnahmekapazität von mehr als 400 Menschen. Konkret denkt die Stadt für sie an Standorte entlang der Anton-Dey-Straße - die brachliegende BMX-Bahn an den Gleisen hinterm Rathaus, ein gegenüberliegendes Grundstück und das Umfeld der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde.

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Wohnbau prüfe das Projekt gerade. „Es geht um entscheidende Fragen“, sagt Tybussek. Sowohl baurechtlich - die Areale sind nicht als Wohngebiete ausgewiesen - als auch in Sachen Schallschutz und Erschließung. „Sollte sich dies wirtschaftlich darstellen und realisieren lassen, haben wir hier vor allem ein hervorragendes nachhaltiges Nachnutzungskonzept“, betont der Bürgermeister. Denn die Holzhäuser ließen sich später gut zum dringend nötigen Wohnraum für andere Bewohner umrüsten. „Da reden wir nicht von Monaten oder Jahren, sondern von Jahrzehnten“, sagt Tybussek. Voraussichtlicher Stückpreis pro Haus inklusive Erschließung: eine Million Euro. Kosten, die wie bei allen anderen Projekten von den 12,50 Euro gedeckt werden, die der Kreis pro Flüchtling und Tag überweist. Nicht bezahlt werden können davon die Personalkosten der Stadtverwaltung.

Die Leichtbauhalle

Auch hier ist die Wohnbau an Bord. Deren Geschäftsführer Kison habe in Zusammenarbeit mit Mühlheimer Unternehmen das Konzept einer Halle entworfen, deren erstes Modell voraussichtlich ab April auf dem Parkplatz an der Sporthalle Dieselstraße 64 Menschen Platz bietet. Für Streifenfundamente ist bereits gesorgt, die Innenausstattung wird mit - in diesem Fall deckenhohen und somit auch akustische Privatsphäre bietenden - Abtrennungen der im Zelt ähneln.

An diesem Standort sind die größten Reibungspunkte mit Alteingesessenen denkbar. Denn die Halle belegt erstmal einen Teil des Parkplatzes. Doch zum einen gebe es bereits Gespräche mit Vereinen und Menschen, die in der Dieselstraße Sport treiben. Zum anderen sei ab Ende März ein Ersatzparkplatz vorgesehen. Dann beginnt die Tennissaison.

Und:

Bei einer Leichtbauhalle muss es nicht bleiben. Weil die Wohnbau-Tochter Immoserv sowieso Verwendung für die Hallen habe, sei eine zweite bereits in der Produktion. Sie könne bei Bedarf an einem anderen Ort aufgestellt werden. Kosten pro Halle, inklusive Sanitäranlagen, aber ohne Inneneinrichtung: rund 250 000 Euro.

Der Eigenbau

Die bisher eher diffusen Pläne für eine stadteigene Unterkunft sind konkreter geworden. Als Standort nennt die Stadt nun die Erweiterungsfläche des Waldfriedhofs am Südring. Ihre maximale Kapazität hat sich mittlerweile verdoppelt: 180 Menschen. Aber auch hier werde momentan noch die Machbarkeit geprüft. Dann jedoch könnte es schnell gehen - Bezugsreife im November dieses Jahres.

Die Wohnbau-Unterkunft

Gleiches gilt für das Wohnbau-Projekt für maximal 80 Flüchtlinge zwischen Tegut und Brücke an der Schillerstraße. Fertigstellung: vermutlich im Oktober. Geplant ist, dass die Stadt die Immobilie 20 Jahre von der Wohnbau mietet und nach Abebben der Flüchtlingswelle durch den relativ leichten Umbau anders nutzt. Beispielsweise als Studentenwohnungen oder für Kleingewerbe. Dieses Projekt ist vor allem politisch zwischen die Stühle geraten, weil es für den Streit steht, ob die Wohnungsbaugesellschaft eine Flüchtlingsunterkunft oder doch die ebenfalls quasi nicht existenten Sozialwohnungen bauen sollte.

Bilder: So helfen Sie Flüchtlingen in der Region

Die manroland-Immobilie

Schon offiziell festgeklopft sind Anmietung und Umbau eines ausrangierten „manroland“-Gebäudes in der Borsigstraße an der Stadtgrenze zu Offenbach. Der Umbau läuft. Das soll ab Mai Platz nicht nur für bis zu 110 Flüchtlinge, sondern auch eine Ehrenamtszentrale schaffen. 

Das Jugendzentrum

Das seit einigen Wochen zum größeren Teil als Flüchtlingsunterkunft für 50 Menschen genutzte JUZ soll wieder freigemacht werden. Deshalb sind mehr Plätze für Flüchtlinge geplant, als nach neuer Hochrechnung gebraucht werden. Wobei die Zahlen - aktuell 13 neue Flüchtlinge an jedem Montag - sich im vergangenen Jahr schon mehrfach überholt haben.

Die Seewiese

Im Doppelwohnblock am Friedrich-Ebert-Gymnasium leben derzeit 60 Flüchtlinge. Sie sollen mit der Fertigstellung in eines der anderen festen Gebäude umziehen, damit die Wohnbau ihr in dieser Top-Lage wertvolles Grundstück doch noch vermarkten kann.

Außerdem:

In die Unterbringungsbredoullie manövriert hat die Stadt vor allem der Umstand, dass sich zwar hunderte Mühlheimer für Flüchtlinge engagieren, leerstehende Wohnungen und Häuser aber aller Appelle und Verdienstmöglichkeiten zum Trotz kaum an die Stadt vermietet werden. Teils sind Vermieter, mit denen die Verhandlungen schon weit fortgeschritten waren, in letzter Minute wieder abgesprungen. Andere hatten überzogene Vorstellungen oder, auf Deutsch: Schrott zu bieten. Immerhin wird es in den nächsten Monaten voraussichtlich zusätzliche 45 Plätze in privaten Immobilien geben.

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