Fluglärmgegner informieren über Ultrafeinstaub

„Kerosin schmutziger als Diesel“

Mühlheim - Sind Partikel in der Luft ungefährlich, weil man sie nicht zählen kann? „Nein“, sagen Wolfgang Schwämmlein und Joachim Alt von der Initiative gegen Fluglärm Mainz. Von Michael Prochnow

Und präsentierten auf Einladung der Mühlheimer Bürgerinitiative im Rathaus ein Messgerät, das ultrafeine Staubpartikel registriert. Die Männer wiesen einen deutlichen Anstieg dieser Schadstoffe bei jedem Start eines Flugzeugs nach. Seit der Eröffnung der neuen Nord-West-Landebahn wird am Frankfurter Flughafen rund ein Million Liter Kerosin verbrannt – täglich. Österreichische Kollegen, informierte Schwämmlein, haben ausgerechnet, dass im Rhein-Main-Gebiet 75 Prozent des Ultrafeinstaubs durch den Flugbetrieb verursacht werden. Unterdessen vertreten die Airport-Betreiber die These, dass der unsichtbare Ausstoß in mehreren Kilometern Höhe stattfinde und nicht unten ankomme. Verlässt die Maschinen also heute nur „heiße Luft“, wo 1960 grau-schwarze Verbrennungswolken die Starts begleiteten?

Bisher war diesen Angaben nichts Handfestes entgegenzusetzen. Was kleiner war als 10.000 Nano-, also zehn Mikrometer, war bislang mit den üblichen Messmethoden nicht wahrnehmbar. Teile mit der Maß-Bezeichnung PM 10 entstünden immer durch Abrieb, so Schwämmlein. Sie bleiben im Rachenraum hängen und werden von den feinen Härchen der Luftröhre aufgehalten und wieder nach oben transportiert oder zersetzt.

Dies sei jedoch ein aufwendiger Prozess für den Körper. Bei einer sehr großen Belastung sei die Abwehr überfordert, die Haare verkümmern, das Gewebe entzünde sich. Dies führe zu Mittelohrentzündung, Asthma, chronischer Bronchitis, unterrichtete der Gast. Besonders gefährdet seien Kinder. „Je kleiner die Partikel, desto tiefer dringen sie ein.“ In der Lunge gefährdeten sie die Sauerstoff-Aufnahme, die Moleküle der Fremdkörper könnten das Erbgut verändern, Tumore und Krebs verursachen. Kleinste Teile erreichen den Referenten zufolge auch das Gehirn: Das Blut werde dickflüssig, es drohten Infarkte, Schlaganfälle, und das Risiko der Demenz steige, erklärten die Experten. Und: „So schmutzig wie Kerosin ist Diesel nicht.“

Hohe Konzentrationen ultrafeiner Partikel im weiten Umfeld von Flughäfen seien durch internationale Studien belegt. Ein Kubikmeter Abgas enthalte etwa 10.000 Milliarden Partikel, für die es keinen Grenzwert gebe. „Dabei kann jeder einzelne Partikel eine Krankheit auslösen“, betonte Alt.

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Das handliche Messgerät vergrößere die nicht sichtbaren Partikel mit gesättigtem Alkoholdampf und per Laserstrahl. Werte von 2 500 bis 4 000 seien auf dem Land üblich, in Raunheim und selbst noch in Mainz haben die Männer jedoch Werte von bis zu 23 000 Partikel festgehalten. Am Flughafen-Zaun habe sich gezeigt, dass die Zahlen bei jedem Start in die Höhe schnellen. Es seien die Wirbelschleppen der Flugzeuge, die vor allem durch Ober- und Unterdruck an den Flügelspitzen den Ausstoß nach hinten und nach unten drücken, und zwar mit 150 Metern pro Minute.

„Flughafenbetreiber wissen das seit fünf Jahren“, doch es sei kaum Bereitschaft zu erkennen, der Bevölkerung reinen Wein einzuschenken. Die Bürger müssen sich fragen, ob das Konsumverhalten so bleiben kann. „Es gibt Bewegung, aber es geht sehr langsam“, so Schwämmlein, „da hängen halt viele Arbeitsplätze dran“.

Rubriklistenbild: © dpa

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