Geschichtsverein Mühlheim

Die Frau mit dem Hut

Auf der Straße gilt Christiane Weingärtner als die Frau mit Hut, in den eigenen vier Wänden hält sie meist ein Buch in der Hand. 
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Auf der Straße gilt Christiane Weingärtner als die Frau mit Hut, in den eigenen vier Wänden hält sie meist ein Buch in der Hand. 

Christiane Weingärtner ist die Schriftexpertin beim Mühlheimer Geschichtsverein.

Mühlheim – Christiane Weingärtner ging es wie so vielen Altersgenossen ihrer Generation. Die 1938 geborene Mühlheimerin mit dem ausgeprägten Interesse an Geschichte erfuhr früh, was Krieg, Tod und Krankheit bedeuten.  Im Geschichtsverein gilt Christiane Weingärtner vor allem als Spezialistin, die Schriften zu entziffern, die keiner lesen kann. Etliche Mühlheimer brachten der 82-Jährigen schon Briefe aus Nachlässen vorbei. Manche erfuhren, was die Eltern einander schrieben, als sich ihre Liaison erst andeutete. Andere bekamen eine Ahnung davon, wie sich der Vater in den Schützengräben fühlte.

Nachdem die examinierte Krankenschwester vor 22 Jahren am Stadtkrankenhaus in Offenbach „in die Freiheit entlassen wurde“, wie sie ihren Eintritt in den Ruhestand beschreibt, besuchte Weingärtner an der Frankfurter „Universität des dritten Lebensalters“ Archäologie-Vorlesungen. Einmal fragte die Mühlheimerin in die Runde, „beherrscht hier jemand Sütterlin?“

Ein bisschen konnte sie die Schrift schon lesen. Ihre ältesten Schwestern hatten Sütterlin noch in der Schule gelernt und ihre Zettel entsprechend beschrieben. Aber für die Lektüre der 1200 Briefe des Großvaters reichte es nicht. Auf der Uni fand sich tatsächlich ein Kommilitone, der einen Teil mit Weingärtner entzifferte, die so zügig eine Expertise auf dem Feld entwickelte.

Die Mühlheimer kennen Weingärtner als „die Frau mit Hut“. Auf der Bahnhofstraße sieht man sie nie ohne farbige Kopfbedeckung. Weingärtner muss quasi nur ein Wort sprechen, damit jeder Hesse erkennt, „die Frau kommt nicht von hier“. Das stimmt jedoch nur ein bisschen. Auf die Welt kam sie als Christiane Mittelstaedt in Eberswalde, 40 Kilometer südwestlich von Berlin gelegen. Der aus Königsberg stammende Vater, ein promovierter Naturwissenschaftler, begutachtete dienstlich den Wert von landwirtschaftlichen Flächen. Die Beamtenfamilie musste ständig umziehen. Als Kind landete Weingärtner schließlich in Hanau. Mit Unterbrechungen lebt die Frau seit damals in der Region.

Das Hessische konnte das Hannover-Hochdeutsch ihrer Mutter niemals einfärben, auch wenn die schon starb, als Christiane gerade mal fünf Jahre alt war. „Grüß mir meine Kinder“, hatte Weingärtners Mutter im Krankenhaus noch ihrer eigenen Mutter mit auf dem Weg gegeben, wo sie in Folge der Geburt ihres achten Kindes an einer Blutung starb. Ein Jahr später erlag der kleine Bruder einer Lungenentzündung. Um Christiane, die eine Tuberkulose überstand, kümmerten sich vor allem die beiden ältesten Schwestern und die Großmutter.

In den letzten beiden Kriegsjahren sollten die Kinder Schutz bei Verwandten im besetzten Dänemark finden. Da die Wehrmacht jedoch den Kontakt zu Einheimischen verbot, kamen die Geschwister in einem Flüchtlingslager unter. Weingärtner erinnert sich, wie einmal ein Zaun mit Stacheldraht auf sie fiel, an dem sie gezogen hatte. Als der Arzt die Wunden des Kindes versorgte, erfuhr er, dass Christiane am gleichen Tag Geburtstag hatte und gab ihr ein Geschenk, „ich hatte mich über die Vitamintablette richtig gefreut“. Weingärtner vermutet, diese Jahre hätten sie dahingehend geprägt, mit Verzicht entspannt umgehen zu können, „wenn ich was nicht bekomme, ist das kein Drama“.

Nach Mühlheim zog es sie vor bald 50 Jahren durch ihre Heirat mit Ehemann Karl Heinz Weingärtner. Auf dem Grundstück wohnen im Nachbarhaus die Tochter, der Schwiegersohn und die beiden Enkelkinder.

Im Wohnzimmer hängt eine Pfeife aus der Studentenzeit des Vaters an der Wand, ein Exemplar wie aus einer Wilhelm-Busch-Geschichte. Weingärtner vermutet, durch den Vater entwickelte sich ihr Interesse an Historie, „das war der Mann, der immer vorlas“.

In den Mühlheimer Geschichtsverein trat Weingärtner ein, nachdem sie nicht mehr arbeiten musste, „ich wollte mehr über die Stadt erfahren, in der ich seit Jahrzehnten lebe“.

VON STEFAN MANGOLD

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