KaKaM-Sitzung

Freidenkende Freibeuter

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Petrus, Engel, herrlich!

Mühlheim - Die KaKaM ist 66. Das ist nicht nur närrisch rund, das entfesselte bei der Premierensitzung auch manch Akteur gewaltig. Von Marcus Reinsch

Nichts ist nur böse. Und wenn es doch mal den Eindruck erweckt, taugt es immer noch als Munition, die sich in allerschönster ballistischer Kurve von karnevalistischen Bühnen schießen lässt, auf dass sie kurz über oder kurz unter der Gürtellinie einschlage. Nicht, dass Letzteres in diesen Narrentagen wirklich passieren kann. Die Grenze des politisch, persönlich, humoristisch Korrekten ist tiefergelegt. Hübsch und auch befreiend.

Und bei den Katholischen Karnevalisten Mühlheim, just sechs mal elf Jahre alt, sogar sachdienlich. Für die Biogasanlage finden gleich mehrere entfesselte Akteure bei der Premierensitzung Zukunftsperspektiven. Zumindest lokale Geschichtsschreiber mit Hang zum exzessiven Augenzwinkern werden das Ding im Donsenhard im Nachgang also etwas vielschichtiger bewerten müssen, als es die reine Faktenlage zu Beginn des Jahres des Herrn 2013, halleluja, helau undsoweiter hergibt.

Würdig oder unwürdig

Sie werden Peter Kilian zitieren, zwanzigfacher Wiederholungstäter als KaKaM-Protokoller. Der erklärt das Thema für unwürdig („So ist hier jedes Wort zu viel, es ist und bleibt ein Trauerspiel.“) - um es dann vielzeilig zu würdigen: „Champignons und Chicoree, die wachse grad im Dunkle schee. Des deckt bestimmt net alle Koste, doch hätt mer ein aktive Poste.“

Die Historiker werden an Axel Bohn erinnern. Der strickt, in aller gereimten Konsequenz als „Occupist“ nach Mühlheimer Zielen für seinen Drang zum Protest forschend, das Trauerspiel weiter („...kam jeder Rettungsschirm zu spät, von Biogasen weggeweht“). Und auch die am Bachkopp angelandeten „Rodaupiraten“ Gaby Kolinko und Christian Eitel machen, in Kombination aus großartig gekalauertem Gewaltakt und Schmähgesängen, Beute in „Neu-Schilda, früher bekannt als Mühlheim“. Weil’s freidenkende Freibeuter sind, wollen sie andere gleich mit bereichern: Die Biogasanlage mit Mist betreiben? „Warum sollten sich nicht auch mal die Parteien was dazuverdienen...“

Knappe Vorlagen, volle Breitseite

Sonst? Das Repertoire Volkes Seele wirklich bewegender Aufreger ist in Mühlheim momentan etwas bescheiden. Aber Karnevalisten wären keine, wenn sie aus knappen Vorlagen keine volle thematische Breitseite zaubern könnten. Und so lästert und liebt Kilians Peter nach protokollarischen Pflichtsalven auf Wulff, Steinbrück und FDP („Doch halt ich für Euch jede Wette, die Zweitstimm wird den Arsch Euch rette.“) mit kommunalpolitisch nicht ungetrübtem und doch klarem Blick aufs Lokale. Auf die Einkaufsmeile („Die Bahnhofstraß, die hat es schwer, da stehn jetzt noch mehr Läden leer“). Auf Ehrenbürgerin Gilmer-Kaiser („Ein offnes Ohr für alle Sache, samstags schnell die Haare mache, dass der Hut am End auch stimmt, falls einer mit em Foto kimmt.“). Auf mehr.

Garde unten, Monarchen oben - Fastnacht ist eine hierarchische Angelegenheit. Und eine vergnügliche.

Die Rodaupiraten, immer noch ohne Schatz, schießen sich singend und raunend auf Mühlheims prominentesten Gestrauchelten („...einer, der hofft, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.“) und auf Ralf Grombacher, den anwesenden und den Urhebern plötzlicher Aufmerksamkeit gar nicht bösen „Ralph Siegel der evangelischen Eventgemeinde“ ein. „Occupist“ Bohn wiederum reimt sich wegen des flachgefallenen Sittenverfalls bei „Karamba“ in die Depression: „Und statt Kunst und statt Kultur - im Bürgerhaus gäb’s Porno pur...“

Auch nicht Porno, aber sehr befriedigend und ganz fastnachtlichen Traditionen oder ihrer Vermengung mit der Moderne verpflichtet: die Tanznummern. Die Garden und Damentruppen liefern, choreographiert von Könnerinnen, was das Publikum schätzt - den Rahmen fürs in kostümierten wie in unkostümierten Zeiten verbandelte Prinzenpaar Ann-Catherine I. und Thomas I., den ungarischen Paartanz, die Polka, die Fitnessnummer, die atemlose „Reise durch Deutschland“, das hautenge Treffen von Klassik und Moderne. Der Nachwuchs, „Happy Feet“, hat in der Tat glückliche Füße - und das Männerballett lässt als ziemlich professionelle Offiziers- und Seemannstruppe zwar nicht die Bäuche raus, könnte aber eben deshalb das abtrünnige Schmidt-Theater im Bürgerhaus ersetzen, ohne dass jemand den Unterschied merkt. Ein Kompliment!

Bilder der KaKaM-Sitzung

Karnevalssitzung der KaKaM

Auch an die Mühlheimer Fastnachtssänger. Die sind als Institution und Qualitätsmerkmal der KaKaM-Fastnacht unbezahlbar. Und natürlich, wie jeder Akteur auf und hinter der Bühne, unbezahlt, weil ehrenamtlich. Dafür hat Sitzungspräsident Wolfgang Sterr, im Elferrat souveräner Herrscher über Witz und Trinkspruchpokal, großen Respekt zu vermelden. Auch für „Next Generation of Chaos“, die Nachwuchsgruppe, die sich als „Selbsthilfegruppe“ kalauernd für die Zukunft empfiehlt, und die St. Markus-Singers.

Kein bisschen Vergangenheit, sondern Beweis, dass sich auch traditionsverliebte Fastnacht immer mal neu erfinden sollte: Manfred Sondergeld und Klaus Schmitt. Sie treten als Petrus und Engel auf, verbreiten gepflegten Separatismus und manchen, siehe da, echten Brüller!

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