Abschied von Barrieren

Wie die Friedensgemeinde 150.000 Euro für Umbau aufbringen will

+
Der Architekt Max Seipel zeigt seine Pläne für den anstehenden Umbau.

Mühlheim - Das Gemeindefest der Friedensgemeinde stand unter dem Eindruck des Umbaus des Gemeindezentrums. In den nächsten Jahren müssen die Protestanten mehr als 150.000 Euro aufbringen. Den Großteil der insgesamt 470.000 Euro teuren Sanierung zahlt die Landeskirche. Von Stefan Mangold 

An einem der Stände beim Gemeindefest der Friedensgemeinde verkauft Laura Wittmann Zwetschgenmarmelade und Grußkarten. Die Marmelade kochte Kirchenvorsteherin Anja Leidorf aus Früchten des eigenen Gartens, die Grußkarten bastelte Wittmann selbst. Nicht nur die beiden Damen knien sich richtig rein für die große Aufgabe, Geld zusammenzubekommen für das schöne, aber nicht billige Vorhaben, ihr Gemeindehaus an der Büttnerstraße zu verbessern und zu verschönern.

Wittmann erzählt, eigentlich wäre in diesem Jahr ja Dietesheims Gustav-Adolf-Kirche an der Reihe gewesen, das Fest der in beiden Ortsteilen aktiven Friedensgemeinde auszurichten. Dass stattdessen nochmal die Mühlheimer dran sind, hat einen einfachen Auslöser: Nächstes Jahr wird es bei ihnen Grund, aber keinen Platz zum Feiern geben. Denn das Gemeindehaus wird umgebaut.

Die Pläne entwarf der Architekt Max Seipel. Der 30-Jährige kennt die Friedensgemeinde gut. In der Kindertagesstätte Arche Noah leistete er seinen Zivildienst ab. Und seine Mutter Margit Seipel saß schon im Kirchenvorstand.

So wie Karla Trillig, ebenfalls Architektin und Bauausschussvorsitzende der Gemeinde. Nicht wenige Ideen entwickeln sich durch einen konkreten Anlass. Joachim Kanthak ist zweifellos einer. Der Kirchenvorstandsvorsitzende sitzt im Rollstuhl. Das bedeutet, der Mann kann im Gemeindehaus keine Toilette aufsuchen. Unter den Umständen bekäme heutzutage kein öffentlicher Neubau mehr eine Genehmigung.

Auf Bestandsschutz aber sollen sich andere ausruhen. Die neue barrierefreie Toilette wird stehen, wo Max Seipel gerade seine Pläne erklärt. Das Gemeindezentrum wird sich zur Kindertagesstätte „Arche Noah“ hin vergrößern. Dort kommt auch die Küche unter, die bisher im Keller ist. Ehrenamtliche Helfer, die nicht immer zu den jüngsten Mitgliedern gehören, müssen bis dahin noch hoch und runter laufen.

Die Architektur der 60er und 70er Jahre charakterisierte ein Hang, Schönheit zu vermeiden. Dabei halfen die Glasbausteine, die in kaum einem Bauwerk fehlen durften. Die Quader sollen im Gemeindesaal ebenso verschwinden wie der Linoleumboden. Es hängt natürlich an den Kosten, „aber wir wollen möglichst Parkett verlegen“, erklärt Seipel. Statt der Glasbausteine sollen Kirchenfenstermosaike Licht einlassen.

Die Akustik des Gemeindesaals steht für ein Ärgernis. Ein paar Besucher essen dort gerade mit Pfarrerin Martina Grombacher ihren Kuchen und reden keineswegs laut. Dennoch hallt es. Sehr kommunikativ, aber auch sehr störend. Der Architekt plant, Decken ab- oder dämpfende Platten aufzuhängen.

Bilder zum Musical „Bartimäus“

Der Umbau wird nicht billig. Für den Weg zur Bibliothek bauen die Handwerker eine Rampe für Rollstuhlfahrer, was schon Sinn hat, weil manche Kinder aus der Arche Noah sonst nicht reinkommen könnten. Nach jetzigem Stand belaufen sich die Kosten auf 470.000 Euro. Den Löwenanteil zahlt die Landeskirche. Ein Drittel aber muss die Gemeinde selbst stemmen, die sich ein besonderes Spendenprinzip ausgedacht hat: Die Leute können gezielt Geld geben, etwa für das Parkett (17.500 Euro) oder die Fenster (9000 Euro). Die Namen derer, die mindestens 500 Euro spenden, veröffentlicht die Gemeinde. Der Umbau soll Weihnachten 2019 beendet sein.

Auch der Erlös durch den Losverkauf aus dem „Glückstopf“ des Gemeindefestes kommt dem zugute. „Tombola dürfen wir das aus steuerlichen Gründen nicht mehr nennen“, verweist Pfarrer Ralf Grombacher auf semantische Feinheiten. Hans Peter Fensterseifer kann das egal sein. Er gewinnt den Hauptpreis, ein Wochenende mit einem Audi Q2 aus dem Autohaus Best. Eine Frau erfährt beim Loskauf, ein möglicher Gewinn sei ein Aquarium. So ein Fischbehältnis im Wohnzimmer wirkt nicht auf jeden attraktiv. Die Frau kauft also lieber noch ein Los mehr als geplant, als sie erfährt, das Aquarium sei schon gewonnen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare