Friedrich-Ebert-Schüler

Gefangen in der Stille

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Eine von vielen: Friedrich-Ebert-Schüler verkörpern die Gefangenen des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz. Foto: m

Mühlheim - Ein Besuch in Auschwitz geht unter die Haut. Das haben 30 Schüler des Friedrich-Ebert-Gymnasiums bei ihrem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager gelernt. Ihre Eindrücke vermitteln sie in einer szenischen Darbietung. Von Michael Prochnow  

Die Nähe zu dem, was geschehen ist, hinterlässt Spuren. So auch bei 30 Friedrich-Ebert-Schülern, die auf der Bühne im Pfarrheim St. Sebastian dem Publikum – darunter Bürgermeister Daniel Tybussek und Landrat Oliver Quilling – vermitteln, was sie in Auschwitz gelernt haben. Die Gruppe des Jahrgangs Q1 war im vergangenen September in Polen und beschäftigte sich mit den Experimenten des Dr. Josef Mengele an Gefangenen.

65 Millionen Kriegsopfer, sechs Millionen Holocaust-Tote – die Jugendlichen sprachen Zahlen in die Stille. Zwölf Jahre Gewaltherrschaft, sechs Jahre Krieg. Dem gegenüber stellten sie Artikel 1 der Verfassung, „die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Mehr als 1 000 Zwillingspaare fielen dem Arzt Mengele zum Opfer. Er hatte Versuche in der Gaskammer angeordnet. Die jungen Leute zeichneten den Weg der jüdischen Schülerinnen Eva und Miriam nach, die bei der Deportation in Viehwaggons „weinen, weinen, weinen“ vernahmen. An der Rampe in Auschwitz wurde aussortiert, wer gleich vergast wurde und wer eine Chance bekam zu überleben.

Die Gymnasiasten verfolgten außerdem die Arbeit des Fotografen Wilhelm Brasse, der die Experimente dokumentieren musste. Er gelangte an psychische Grenzen, lebte in einem eigenem Block: „Es reichte zum Überleben, wir wurden nicht so streng überwacht“. 70.000 Personen hat er fotografiert, die Bilder später retuschiert, um die Würde der Abgebildeten zu wahren. Brasse konnte 38.000 Bilder aus dem Feuer retten. Er wurde nach Österreich gebracht und war noch lange traumatisiert, weil er beim Blick durch den Sucher die Opfer sah.

Die Schüler stellten sich als Gefangene mit Registrationsnummer vor. „Es gab kein Licht und Wasser nur, wenn es regnete“. Sie projizierten Kinderzeichnungen, wiederholten Dialoge aus den Verhandlungen gegen Rudolf Heß im Schattenriss. „Man kann mit Menschenmassen nicht mitfühlen, nur mit Einzelnen“, hat er einst gesagt. Viele Sätzen beginnen mit „Ich hab’ doch nur...“ oder enden mit „Befehl ist Befehl“. Heß war „mit Leib und Seele Nationalsozialist“.

Anhand von Tonaufnahmen von Zeitzeugen, präsentierten die Teenager, dass manche am Holocaust Beteiligten keine Fakten anerkennen, Verschwörungstheorien folgen. „Es ist wichtig, dass jeder Deutsche die Vergangenheit kennt“, betonten die jungen Leute.

Das meinte auch Schulleiter Stefan Sturm. Er mahnte, Wirtschaft und Massenmedien waren damals unterwandert, es wurde zu wenige für die Erhaltung der Demokratie getan, „niemand hatte das Ausmaß erahnt“. Heute müsse jeder „für eine tolerante, weltoffene Gesellschaft eintreten und die demokratischen Stukturen schützen. Er dankte den Schülern und Lehrer sowie der Bethe-Stiftung, die Schülerreisen als Erinnerungskultur fördert.

Landrat Oliver Quilling sah in dem festen Bestandteil des Unterrichts am Friedrich-Ebert-Gymnasium eine Alleinstellung im Kreis, eine „direkte Konfrontation mit menschenverachtenden Taten: Bücher sind wichtig, aber mit dem Besuch verankern sich Bilder viel tiefer“. Die Erinnerung gehöre zur deutschen Identität.

Bürgermeister Daniel Tybussek mahnte, „Rechtspopulisten sind wieder verstärkt unter uns“. Die Veranstaltungen des FEG verditenen Anerkennung. Der Bürgermeister warb für wichtige Werte: ein friedvolles Miteinander, Respekt und Toleranz.

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