Früh auf die Windkraft gesetzt

Mühlheim - Ausgerechnet ein chinesisches Sprichwort hat Michael Häußer zu seinem Motto gemacht: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Von Marc Kuhn

Einerseits trifft die Aussage genau das Geschäftsmodell von Häußers Firma - der Luftstrom Energiegesellschaft: Sie verdient ihr Geld mit Windrädern. Andererseits verdankt der Mühlheimer den Chinesen einen erzwungenen Strukturwandel. Die von den Eltern gegründete Lederwarenproduktion musste er ab dem Jahr 2000 fast ganz einstellen und hat voll auf die erneuerbaren Energien gesetzt. „Wir hatten eine der letzten großen Fabriken in Offenbach“, erklärt Häußer. Spezialisiert war die in den 60er Jahren gegründete Firma auf Brillenetuis. „Ab dem Jahr 2000 haben die Chinesen uns den Garaus gemacht“, erinnert sich der Kaufmann. Der Billigproduktion aus dem Reich der Mitte hatte das Traditionsunternehmen nichts mehr entgegenzusetzen. 50 Arbeitsplätze wurden vernichtet. Heute, mit nur noch vier Mitarbeitern, werden in Mühlheim mit Importen aus China und den USA sowie einer kleinen eigenen Lederwarenproduktion noch bescheidene Gewinne erwirtschaftet.

Häußer machte indes gemeinsam mit seinem Ruder-Kollegen Gereon Schürmann eine Leidenschaft zum Beruf. 1975 waren beide im kanadischen Montreal Junioren-Vizeweltmeister geworden. „Wir haben uns nie aus den Augen verloren“, berichtet Häußer. Naturgewalten wie Wasser und Wind hätten die beiden Ruderer schon immer begeistert. Luftstrom wurde gegründet. „Wir kommen aus der Öko-Ecke, dies mit der Ökonomie zu verbinden, das ist die Herausforderung“, sagt Häußer.

Mittlerweile hat die Firma Luftstrom 20 Windmühlen - wie Häußer seine riesigen Räder nennt - in Parks im Vogelsberg, Spessart und in der Eifel errichten lassen. Ein Teil davon gehört den Mittelständlern, die anderen wurden verkauft oder werden für andere Firmen betrieben. Ihre Projekte betreut Luftstrom „von der Idee bis zur drehenden Mühle“. Häußer betont: „Wir sind Entwickler, Betreiber, Verwalter und in manchen Bereichen auch Hausmeister.“ Die Grundstücke, auf denen die Windmühlen gebaut werden, werden gepachtet. Mit Bürgerbeteiligungen lasse sich die Akzeptanz steigern, sagt Häußer. Luftstrom kümmert sich um Genehmigungsverfahren und lässt die Windräder bauen. Die Entwicklung eines Windrad-Projekts vergleicht Häußer mit dem Bau eines Hauses. „Wir sind der Bauträger. Wir wissen, wie man das hinkriegt. Es ist langwierig und komplex, macht aber einen Riesenspaß“, erklärt der Geschäftsführer.

Mit ihren „Windmühlen“ wollen die Inhaber von Luftstrom auch „der monopolistische Macht der großen Energieversorger in Deutschland mit lokaler mittelständischer Marktwirtschaft entgegenwirken“. Die dezentrale Erzeugung von Energie und „eine Wertschöpfung mit und für die Bürger vor Ort“ sei das Ziel, erklärt Häußer. Schon jetzt seien an zwei „Bürgermühlen“ 16 Leute über Kommanditgesellschaften beteiligt. Entsprechend ihrem Anteil erhalten sie Ausschüttungen - ähnlich wie bei einer Aktiengesellschaft. Künftig soll es nach den Worten von Häußer auch möglich sein, dass Bürger, die Anteile an „Windmühlen“ halten, auch Strom über sie beziehen können. „Das kriegen wir hin, das ist unser Ziel“, erklärt Häußer.

Die von der Bundesregierung eingeläutete Energiewende ist freilich genau nach seinem Geschmack. Die Ziele hält er für realistisch. Allerdings: „Die Monopolisten werden versuchen, ihre Monopole zu behalten.“ Die mittelständischen Pionierunternehmen der erneuerbaren Energien würden jetzt massiv mit den großen Energieversorgern konfrontiert. Deren Kassen seien aufgrund der enormen Gewinne durch die Monopolstellung auf dem Energiemarkt gut gefüllt, betont Häußer. Da Deutschland nun auf die erneuerbaren Energien setzt, erklärt er: „Der Kuchen wird größer, der Markt wird härter und weniger idealistisch werden.“ Die Herausforderung macht dem Geschäftsführer indes keine Angst. „Beim Rudern haben wir erfahren, dass man mit Fleiß, Disziplin und Ausdauer weit kommen kann“. Und: „Energie ist Zukunft.“

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