Im Café Zeit sprechen Besucher und Mitarbeiter über Sorgen und Nöte

Für Gaumen und Seele

Nicht nur Kaffee und Kuchen: Die Mitarbeiter im Café Zeit in der Christuskirche am Südring haben immer offene Ohren für ihre Besucher.
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Nicht nur Kaffee und Kuchen: Die Mitarbeiter im Café Zeit in der Christuskirche am Südring haben immer offene Ohren für ihre Besucher.

Mühlheim – Bei diesen Temperaturen schmilzt die Sahne von der Torte und der Schweiß rinnt von der Stirn. Doch das Café Zeit hat vorgesorgt: Große Sonnenschirme spenden Schatten, die Obstböden fühlen sich bei angenehmen sieben Grad im gläsernen Kühlschrank wohl, die Gäste dank der freundlichen Helferinnen. Sie haben nicht nur Kuchen im Angebot, auf Wunsch leihen sie Besuchern auch ihr Ohr.

Eigentlich wollten sie 2020 den zehnten Geburtstag der segensreichen Idee feiern. Neben den Kaffee- und Kuchenspezialitäten war geplant, eine Ausstellung in den Räumen der evangelisch-methodistischen Christuskirche zu eröffnen und für einige Wochen Bilder eines befreundeten Künstlers zu präsentieren. „Aber wir mussten alles abblasen“, bedauert Ingrid Stahl, und ob die Schau nachgeholt werden kann, stehe noch nicht fest.

„Wir haben sogar einen Neuzugang gewonnen“

Die sieben Damen des Café Zeit haben im März vergangenen Jahres also Verderbliches aus der Küche geräumt und den Betrieb für viele Wochen geschlossen. Die Zeit ohne Gäste hat das Team genutzt, um aufzuräumen und zu reinigen. Zum Neustart waren sie wieder zur Stelle, auch die zwei Herren, die Tische und Stühle auf dem Freigelände aufstellen. „Keiner ist weggeblieben“, freut sich Mitinitiatorin Stahl, „wir haben sogar einen Neuzugang gewonnen, ebenfalls eine Krankenschwester“, wie die meisten der Frauen.

In der Kirche am Südring ist man also in jeder Hinsicht in guten Händen, es ist ein Ort für Gaumen und Seele. „Aber nach so langer Abstinenz erscheint alles neu“, berichtet die medizinische Fachkraft im Ruhestand, „wir müssen uns erst wieder reinfinden“. Jede Woche kreieren Gemeindemitglieder drei Torten, schildert die Hausenerin das Konzept. „Einige kennen sich da aus, tragen sich schon sonntags nach dem Gottesdienst in die Kuchenliste ein.“ Manche rufen gar an, ob denn ausreichend Backwerk geliefert wird und bieten an, ihr Konditor-Talent unter Beweis zu stellen. Die Preise sind moderat und verfolgen gleich zwei gute Ziele: Die Gruppe muss die Ausstattung bereithalten, manchmal zerbrochenes Porzellan oder eine ausgefallene Kaffeemaschine ersetzen. Ingrid Stahl braucht wegen einer schweren Erkrankung jetzt einen Teewagen, um die süßen Sachen servieren zu können.

50 Prozent der Einnahmen gehen an Projekte der Diakonie. So unterstützten die Kunden zunächst den Bau einer Schule in Ghana, jetzt fördern sie den Unterricht für gehörlose Kinder in Liberia. Vor Ort spendeten die Christinnen für ein Frauenhaus und für Demenzkranke bei den „Herbstzeitlosen“ der Arbeiterwohlfahrt. „Wir haben viele Stammgäste“, fährt die Sprecherin fort. Allerdings sind einige verstorben, „und ob die anderen alle wiederkommen und wie’s ihnen geht, wissen wir nicht“. Die treuen Besucher auf der Terrasse freuen sich, dass es wieder losgeht. Einer meldet eine Geburtstagsfeier an, dann richtet die Runde auch den Kirchensaal.

„Gott wird uns Menschen schicken, die uns unterstützen“

„Die meisten wissen, dass sie mit uns über Sorgen und Nöte reden können“, sagt die Gläubige. „Wir gehen aber nicht herum, drängen uns nicht auf“, betont sie. Jeweils eine aus dem Trio kann sich die Zeit nehmen, sich zu einem Gast setzen. „Oft ist es die Einsamkeit, viele Menschen sitzen allein daheim, das hat Corona noch verstärkt.“ Mit ein paar Besucherinnen hielt Stahl während der zurückliegenden Monate telefonisch Kontakt. „Sie wollen sich von der Seele reden, was sich aufgestaut hat“, sagt die Helferin. „Wir sind keine Therapeuten“, und sie selbst könne wegen ihrer Muskelerkrankung nicht mit jemanden mal eine Stunde spazieren gehen. „Aber es gibt Dinge, die kann ich.“

Manchmal genüge es schon, zehn Minuten zuzuhören. Für die Helferinnen ist es das Wichtigste, Kontakte zu pflegen. Die einstige Arbeitskollegin und Mitstreiterin der ersten Stunde, Monika Redemann aus Maintal, findet, „manchmal dauert’s, bis man genau weiß, was zu tun ist. Wir haben einfach begonnen.“ Jetzt ist sich das Team sicher, „Gott wird uns Menschen schicken, die uns unterstützen“. Dann werden sie vielleicht einmal im Monat vor Ort Brot backen, plant die emsige Leiterin. (Michael Prochnow)

Infos: Das Café Zeit öffnet donnerstags von 14 bis 16 Uhr an der Christuskirche im Südring 30.

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