Drei Dutzend „Farbtöne“

Galerist Friedrich Witzel aus Mühlheim stellt Gemälde beim Städte- und Gemeindebund aus

Galerist Friedrich Witzel vor Gemälden in Petersburger Hängung.
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Galerist Friedrich Witzel vor Gemälden in Petersburger Hängung.

Friedrich Witzel aus Mühlheim hat seine Gallerie ins Internet verlegt. Aber auf echten Kunstgenuss muss deshalb niemand verzichten.

Mühlheim - Galerist Friedrich Witzel aus Mühlheim stellt Gemälde beim Städte- und Gemeindebund aus. Allerdings können diese aktuelle während der Corona-Krise nicht beim HSGB besichtigt werden. Sobald das wieder möglich ist, teilt der HSGB dies mit. Doch als hätte der gelernte Grafiker die gegenwärtige Entwicklung geahnt, verlegte er von da an sein Kunstangebot ins Internet. Dazu braucht man auch in Corona-Zeiten nicht auf realen Kunstgenuss Marke Witzel verzichten: In seinem Depotraum an der Offenbacher Benzstraße bietet der Galerist inmitten von hunderten Kunstwerken Beratung an, auf Vereinbarung mit viel Zeit und nötigem Abstand.

Mühlheim: „Farbtöne“ hängen im Gebäude des Städte- und Gemeindebunds

Doch drei Dutzend Gemälde, Zeichnungen und Grafiken fehlen in Witzels Offenbacher Kunstraum. Sie hängen unter dem Titel „Farbtöne“ in Mühlheim im öffentlich zugänglichen Verwaltungsgebäude des Hessischen Städte- und Gemeindebunds in der Henri-Dunant-Straße 13. Dort werden die Bilder noch länger zu sehen sein, also auch, wenn der HSGB-Verwaltungssitz wieder für Besucher zugänglich ist, denn sie kommen gut an. 

Wo sieht man in der jetzigen kulturarmen Zeit schon Originale des Pop-Art-Meisters Jim Dine, eine rare Lithografie von Joan Miro, aktuelle Arbeiten des kurdischen Malers Ako Lolo, Serigrafien von Otto Piene oder Radierungen von Lesley Hunt?

Der Eindruck der Schau verstärkt sich beim Beratungstermin mit dem erfahrenen Sammler, der 30 Jahre in bester Frankfurter Lage zum Galeristen aus Leidenschaft heranreifte. Man erwartet einen Lagerraum und findet einen bestens geordneten Galerie-Raum mit „Petersburger Hängung“ vor. Erfahrung mit Kunst über Jahrzehnte trägt dort Früchte. Gleichzeitig bleibt der 72-Jährige im aktuellen Kunstleben am Ball und hält Kontakt zu angestammten Künstlern und Kunden, denen er auch als Rahmungsexperte zur Verfügung steht.

Mühlheim: Originale von Günter Grass

„Mein Kunstnetzwerk von früher ist noch da“, sagt Witzel. „Als Galerist kann man nicht einfach aufhören, wenn man gesund ist. Ich spüre die Aufgabe, vielen Leuten gute Kunst nahe zu bringen. Vom Druck, jeden Tag nicht wenige Stunden im Kunstladen stehen zu müssen, bin ich befreit.“ Es macht Spaß, Witzels Ausführungen zuzuhören, während er Einzelstücke aus dem Bestand hervorholt. Er kommt ins Schwärmen, als er Gemälde von Walasse Ting, dem Chinesen aus Paris, zeigt: „Wahre Farbfeuerwerke, die serienweise in Gebäuden der AEG hingen.“ Ähnlichen Kalibers sind großformatige Aquarelle des kurdischen Malers Ako Lolo, die Farbkraft mit Feingefühl verbinden. 

Stolz ist Witzel auch auf die expressiv gezeichneten Arbeiten des norddeutschen Meisters Horst Janssen („Nach Toulouse-Lautrec“), die Butt-Zeichnung von Nobelpreisträger Günter Grass und seltene Originalplakate des Jugendstils. Meisterhaft gemalt ist auch die Pop-Art von Hans Ticha, die „Hommage a Dante Rosetti“ von Monika Davidovsky und das Acrylbild „Marilyn Monroe“ des Frankfurter Malers Luzius Ziermann. Witzel vergisst auch nicht den Fotorealismus von Emil Herkers Stillleben, Andreas Lutherers Fotoarbeiten oder Tuschezeichnungen von Lin Guangjun. 

Lebhafte Erinnerungen verbindet er mit dem zwei Meter hohen „Zen-Tor“ aus Ton, Stahl und Holz der saarländischen Künstlerin Lydia Haietz, die beim Tsunami ums Leben kam. Bezahlbare Geheimtipps sind auch Plakate, die man nirgendwo mehr bekommt: Roy Lichtensteins Ausstellungsplakat von 1978 zum Whitney-Museum New York sowie seltene Blätter von Friedensreich Hundertwasser und Jasper Johns. Wer aufpasst, kann derartige Witzel-Kostbarkeiten bei Cataviki-Auktionen im Internet für 30 Euro erstehen.

Infos

galerie-friedrich-witzel@t-online.de, Termine nach Vereinbarung unter 0151 11638958.

VON REINHOLD GRIES

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