Goldene Quadrate der Erinnerung

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Rund 30 Bürger wohnten der Verlegung der Stolpersteine in der Mühlheimer Altstadt bei.

Mühlheim - „Jetzt weiß ich, wo sie sind.“ In ergreifender Weise reagierte Herbert Isaak auf das Einsetzen der Stolpersteine in der Apfelbaumgasse, wo einst das Haus seines Onkels und seiner Tante stand. Von Michael Prochnow

Der Sohn des einstigen Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Mühlheim kniete nieder, küsste beide Steine, bat um eine Minute der Stille und verneigte sich tief. Gemeinsam mit seinem Bruder Lothar sprach er ein Gebet an den beiden goldglänzenden Quadraten im Straßenbett.

Lothar Isaak legte eine Rose für jeden Ermordeten nieder.

Auf Initiative der Interessengemeinschaft Stolpersteine setzte der Bildhauer Gunter Demnig aus Köln jetzt die ersten sieben von insgesamt 25 geplanten Erinnerungen an jüdische Mitbürger in die Gehsteige der Mühlenstadt. Demnig arbeitete versiert. Mit einigen wenigen Handgriffen schaffte er am Samstag eine Lücke im Straßenpflaster und setzte den beschrifteten Quader mitten in das Pflaster. Dann füllte er die Lücke mit vorbereiteten kleineren Steinen auf, schüttete den Aushub mit Zement in die Fugen und goss Wasser darüber. Eine Handvoll Mutterboden drüber, abgekehrt, fertig. Das Handwerk wurde von einem Künstler ausgeführt, der in der Bundesrepublik bereits mehr als 20.000 (!) dieser unauffälligen Mahnmale verlegt und dafür bereits viele Auszeichnungen empfangen hat.

„Es ist etwas Wichtiges, eine sehr gute Sache, dass die Menschen in Erinnerung bleiben“, begründete Herbert Isaak die weite Reise. Der Sohn des damaligen Vorbeters der jüdischen Gemeinde betete mit seinem Bruder Lothar und Familienangehörigen vor den verlegten Stolpersteinen in der Altstadt. „Die Gemeinde braucht mich“, zitierte der Sohn den Vater, der bis zuletzt geblieben war.

95 Euro und die Genehmigung des Hausbesitzers, vor dessen Grundstück die Erinnerung eingelassen werden soll, kostet die Aktion. Für viele Angehörige der ermordeten Juden sind die Stolpersteine ein wichtiges Zeugnis, das die Funktion eines Grabes erfüllt: „Hier werden sie Ruhe finden“, sagte Herbert Isaak, der mit seiner Familie eigens aus der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires angereist war. „Jeder will wissen, wo seine Eltern sind“, erklärte der Unternehmer.

Vor dem eigenen Elternhaus in der Trachstraße blitzt jetzt ebenfalls ein Stein aus dem Pflaster, der den Namen seines Vaters trägt, Leopold Isaak, geboren am 8. August 1894 in Mühlheim. Am 30. September 1942 wurde er mit 883 Glaubensbrüdern von Darmstadt ins Vernichtungslager Treblinka gebracht.

Isaak floh damals mit fünf Brüdern nach Argentinien. Herbert Isaak kam schon mehrfach in seine Heimatstadt zurück, um über das Schicksal seiner Familie zu berichten. In der Friedrichstraße, wo die Synagoge gestanden hatte, erzählte Isaak von der Pogromnacht am 9. November 1938.

Weitere Stolpersteine erinnern jetzt in der Apfelbaumgasse an Berta und Moritz Lehmann, an Bertha Stiefel in der Pfarrgasse 25, Albert und Mathilde Strauß in der Pfarrgasse 17 und an Mathilde Stiefel im früheren Fachwerkhaus in der Offenbacher Straße 10.

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