Erst Onkel, dann Vater

Haarsträubender Fall von Kindesmissbrauch vor Gericht

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Symbolbild

Mühlheim - Ein Mühlheimer muss sich vor dem Offenbacher Schöffengericht verantworten, weil er sich in den Jahren 2010 und 2011 an seiner damals elf Jahre alten Nichte sexuell vergangen haben soll. Von Stefan Mangold

Am ersten Verhandlungstag sagte das mutmaßliche Opfer aus – und dessen Vater. Der sitzt seinerseits neun Jahre wegen Sexualdelikten in Haft. Es ist ein Fall, bei dem man sich die Ohren zuhalten will, weil die Phantasie nicht reicht für die Vorfälle, die vor dem Offenbacher Schöffengericht geschildert werden. Ein Mühlheimer soll seine elfjährige Nichte sexuell missbraucht haben – bevor dann auch der Vater des Mädchens zugriff. Der aktuell angeklagte Onkel erklärt über seinen Verteidiger Heinz-Jürgen Borowsky, er wolle schweigen. Als erstes ruft Richter Manfred Beck also seine als Nebenklägerin auftretende Nichte in den Zeugenstand, vertreten durch Anwalt Jan Glosmann. Die heute 18-Jährige erzählt, wie der mittlerweile 29-jährige Onkel vor sieben Jahren unter dem Vorwand, eine CD holen zu wollen, in Abwesenheit ihrer Eltern in der Wohnung erschienen sei. Er habe sie an die Brüste und am Geschlecht angefasst, jeweils unter den Textilien. Der Vorgang habe sich manches Mal wiederholt, „wenn ich bei der Oma zu Besuch war“. Dort wohnte der Onkel.

Die junge Frau wahrt die Fassung. Trotz der Tränen antwortet sie sachlich. Verteidiger Borowsky beweist Empathie, als er betont, „es tut mir sehr leid, aber ich muss Sie das alles fragen.“ Sie habe dem Onkel gegenüber immer klar ausgedrückt, dass sie seine Griffe nicht will. Er aber habe sie festgehalten und gedroht: Sollte sie anderen etwas sagen, „werde das, was er dann mit mir macht, noch schlimmer“. Deshalb habe sie weder nach der Großmutter gerufen noch überhaupt jemandem davon erzählt, „ich war elf und hatte Angst“. Als die Übergriffe aufhört hätten, „ging das mit meinem Vater los“.

Nach einem gemeinsamen Urlaub im Sommer 2014 habe ihre Mutter sie angesprochen, der Vater habe wiederum ihr berichtet, mit der Tochter Sex gehabt zu haben. Ob das stimme? Die Tochter bejahte. Und auch ihre Freundin sei vom Vater sexuell angegangen worden. Richter Beck wirft ein, ihr Vater habe vor dem Landgericht in Darmstadt geleugnet. Ihn hätten Gattin und Tochter ausschalten wollen, weil er ein konservativer Charakter sei. „Wie er behauptet, hielt er nichts vom Bild der modernen Frau“, fasst Beck aus den Prozessakten zusammen. Die Tochter erklärt, sie habe gesehen, wie der Vater auch die Mutter im Wohnzimmer vergewaltigte.

Von den Übergriffen des Onkels habe sie jener Freundin zuerst erzählt, die auch von ihrem mittlerweile rechtskräftig verurteilten Vater attackiert worden sei. Die Taten des Onkels empfände sie als weniger schmerzhaft als die des Vaters. Eine Cousine der Nebenklägerin erinnert sich, die Nebenklägerin und ihre Mutter hätten ihr 2014, nach der Flucht in ein Frauenhaus, von den Vergewaltigungen des Vaters und den Nötigungen des Onkels erzählt: „Ich zweifelte nicht, dass das stimmt.“ Selbst sei sie Zeugin gewesen, wie der Mann seine Tochter geschlagen habe.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Zur Frage, ob die Oma etwas von Übergriffen des Onkels mitbekommen habe, kann die Nebenklägerin nichts sagen. In den Vernehmungsprotokollen vom Oktober 2014 stehen Aussagen, dass die Großmutter den Onkel wohl erwischte und ihm drohte, es seinem Bruder zu stecken, falls er nicht aufhöre. Verteidiger Borowsky kritisiert einen damals vernehmenden Polizisten, über ein „vertrauliches Gespräch“ vor der Vernehmung in den Akten nichts notiert zu haben.

Im Prozess vor dem Landgericht Darmstadt hatte die Großmutter zugunsten ihres anderen Sohnes ausgesagt. Die Frau ist zum nächsten Termin geladen, ebenso die Mutter der Nebenklägerin. Aus einem Gefängnis wird der 38-jährige Vater gebracht. Das, was er bei seinem kurzen Auftritt erklärt, lässt sich schwer einordnen. Der Mann erklärt, an den Anschuldigungen gegen seinen Bruder sei nichts dran. Das lasse sich durch Videoaufnahmen beweisen. Die lägen seinem Rechtsanwalt vor. Bei einem späteren Prozesstermin soll der Vater samt Anwalt und Film wieder erscheinen.

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