Hans-Peter-Schwengers und das geliebte Feiertagsbackwerk

Das Streusel-Mysterium

Mühlheim - Im Heute einfach, im Gestern schön: Wie einst der Blechkuchen auf Mühlheimer Kaffeetische kam, weshalb zum Bäckerhandwerk anatomische Grundkenntnisse gehören und warum die Erfindung der Brezel ein Leben rettete, sind keine weltbewegenden Fragen.

Aber welche, die Herzen bewegen und Mundwinkel nach oben krümmen. Erkenntnis des Nachmittags über österliches Backwerk im Stadtmuseum. Echtes Interesse der Leute ist gut an ihrer Bereitschaft abzulesen, einen vollen Raum noch ein bisschen voller zu machen. In diesem Sinne lässt Hans-Peter Schwengers Themennachmittag im Stadtmuseum keinen anderen Schluss zu, als dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hat mit seinen Erzählungen über Gebäck zu Ostern und anderen in christlichen Breitengraden besonderen Anlässen.

Als Dietesheims Bäckerlegende hat der Mann ein Nähkästchen, aus dem es sich trefflich plaudern lässt. Zum Beispiel darüber, wohin damals eigentlich die Streusel vom Streuselkuchen verschwanden. Der Fall ist schnell aufgeklärt und überrascht viele Besucher wenig. Denn in der Zeit, von der Schwenger erzählt, waren die meisten von ihnen Kinder - und gewissermaßen selbst Mundräuber.

Wollten die Hausfrauen früher Blechkuchen backen, hatten sie ein Problem: Die eigenen Herde waren zu klein fürs gute Stück. Sie bereiteten also alles auf einem großen Holzbrett vor, trugen den so mit Zwetschen oder Äpfeln und natürlich Streuseln belegten Teig zum Bäcker und schickten später die Kinder zum Abholen des Gebackenen.

Ein Fehler, eigentlich immer. Denn auf dem Weg nach Hause verschwand ein Teil der Streusel auf mysteriöse Weise in den Mündern des Nachwuchses. Und auch die Ränder des Kuchens litten unter großem Schwund. Schwengers Gäste erfahren auch etwas über den Unterschied von Stutzweck und Weckmännern, die auch Martinsweck oder Nikelose genannt werden. Und über die Anekdote, wie es zu dem Backwerk Brezel kam. Die entstand zur Zeit des französischen Sonnenkönigs, der seinen Hausbäcker wegen Erfolgslosigkeit zum Tode verurteilen wollte, ihm aber einer letzte Chance gab: Er sollte leben, wenn er ein Gebäck herstellte, durch das man dreimal die Sonne sehen kann. Als seine Frau dies hörte, jammerte sie und schlug verzweifelt die Hände über Kreuz vor ihre Brust. Das brachte den Bäcker auf die Idee, eine Brezel zu kreieren. Die gibt es heute in allen Varianten. In klein täglich in der Bäckerei, in ziemlich groß zum Schulanfang in Lämmerspiel und Mühlheim.

Die Grundzutat aller Schwenger-Geschichten: Hefeteig. Für den liefert er sein Erfolgsrezept. Vor allem, was den Umgang mit den Zutaten betrifft: Einfach darauf achten, dass alle Bestandteile zu Beginn der Herstellung Zimmertemperatur haben. Selbst backen müssen sich seine Gäste ihren Kuchen natürlich nicht. Der Meister persönlich hat Kosteproben gebacken. Um die anzufassen, hört sogar der Beifall kurz auf. (mcr)

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