Feuer in Frankfurt

Illustrator Helge Nyncke stellt seinen Debütroman vor

Helge Nyncke mit seinem Roman Brandzeichen.
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Helge Nyncke mit seinem Roman Brandzeichen.

Helge Nyncke kann nicht nur zeichnen, sondern auch schreiben. Der in Mühlheim lebende Illustrator bekannter Kinder-, Jugend- und Sachbücher veröffentlichte jüngst seinen Debütroman „Brandzeichen“. Die Idee kam dem Autor vor drei Jahren, als ein Frankfurter Wahrzeichen in Flammen aufging.

Mühlheim – Am 12. Oktober 2017 zerstörte ein Feuer den Goetheturm, das mutmaßlich im Kontext einer Serie steht. Nyncke erzählt, wie ihn die Wut packte, als er davon hörte, „die abgrundtiefe Verachtung für den, der so was tut, der anderen so was antut“. Im Prolog des Romans erwähnt der Autor unter anderem den Pavillon im Chinesischen Garten des Bethmannparks, der am 1. Juni des selben Jahres loderte. Keine zwei Wochen nach dem Goetheturm brannte in Frankfurt der Waldorfkindergarten nieder. Sechs Objekte fackelten in der Zeit zwischen Kelkheim und Niederroden ab. Zwei Merkmale hatten sie gemeinsam: alle aus Holz gebaut, alle auf ihre Art schön anzusehen. „Als hätte jemand das Familienalbum geplündert, unersetzbare Fotos herausgerissen“, heißt es auf den ersten Seiten.

Der Wunsch nach Rache, so ein ,den müsste man mal...’, schoss wohl jedem schon mal durch den Kopf, „Die meisten würden ganz spontan erst mal so denken und fühlen.“ Nyncke erzählt im Gespräch, wie er schließlich zur eigenen Wut Abstand gewann, „mir fiel auf, ,du weißt absolut gar nichts’“. Die Erkenntnis bildete schließlich die Basis seines Romans, in dem sämtliche Protagonisten als Ich-Erzähler zu Wort kommen, auch die Täterin. Nynckes Brandstifter ist eine Frau.

Tatsächlich stoppte die Serie damals. Bis heute ließ sich keine Täterschaft ermitteln. „Mann kann noch nicht mal eindeutig von Brandstiftung sprechen“, recherchierte der Autor, „es fanden sich keine Spuren von Brandbeschleunigern“. Ende 2017 begann Nyncke mit seinem Roman. Der 64-Jährige brauchte für die 400 Seiten ein Jahr.

Bei vielen Autoren drängt sich halbwegs kritischen Rezipienten der Eindruck auf, da schreibt jemand mehr, als er liest. Es fehlt der Sinn für Rhythmus und Verknappung. Nynckes Griff zur belletristischen Feder glich keinem Sprung ins kalte Wasser. Der bildende Künstler bewies schon in Essays, dass er formulieren kann. Nyncke schreibt in einem schlanken Stil mit überwiegend kurzen Sätzen. Das treibt den Leser. Der will wissen, wie es weiter geht.

Die letzte Zeile zu tippen, fühlte sich noch gut an, „dann begann die schlimmste Arbeit“. Die Wahrscheinlichkeit, beim Roulette auf eine Zahl zu setzen, auf der die Kugel landet, wirkt fast sicher gegen die Aussicht, einen Verlag zu finden. Auch für Nyncke, trotz seines Namens als Illustrator. Absagen wirken wie ein Erfolg, denn üblich ist es, vergebens auf Antwort zu warten.

Nyncke erzählt, wie er Anfang des Jahres im Haus am Dom am Rande eines Treffens dem Frankfurter Verleger Axel Dielmann sein Manuskript vorstellte. Das setzte eine Dynamik in Gang, von der Nyncke sagt, er habe zwar viele Bücher veröffentlicht, „so rundum zufrieden wie diesmal war ich noch nie“. Er sei froh, dass Dielmann ihn von gestalterischen Sperenzien abriet. Ursprünglich hatte der Autor vor, den verschiedenen Ich-Erzählern eigene Schrifttypen zu geben, „das hätte nur sinnlos verwirrt“.

Dem Leser des Romans geht es ähnlich wie einem Prozessbeobachter, der schließlich nachvollziehen kann, warum der Angeklagte scheinbar unvermittelt auf sein Opfer einstach.

Weitere Infos

Helge Nyncke, Brandzeichen, 400 Seiten, Axel-Dielmann-Verlag Frankfurt. Der Roman liegt im Mühlheimer Buchladen (Bahnhofstraße 17-19) aus. (Von Stefan Mangold)

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