Hilfe nicht nur bei Hausaufgaben

Mühlheimerin Monika Fickel engagiert sich ehrenamtlich als Flüchtlingspatin

Der zehnjährige Abdul liest, was ihm in die Finger kommt. FOTO: MANGOLD
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Der zehnjährige Abdul liest, was ihm in die Finger kommt.

Wenn man mit Erwachsenen spricht, die als Kinder und Jugendliche mit einem Asylbewerberstatus nach Deutschland kamen und heute eine feste Position in Gesellschaft und Beruf ausfüllen, nennen sie meist wie aus der Pistole geschossen den Namen einer Lehrerin oder von jemandem aus der Nachbarschaft. Fast immer berichten sie von irgendwelchen Erwachsenen, die sie damals unter die Fittiche nahmen, ihnen bei den Hausaufgaben halfen und erklärten, wie sie sich in der fremden Kultur geschmeidig verhalten.

Mühlheim – Die syrischen Kinder Sedra und Abdul dürften irgendwann die Mühlheimerin Monika Fickel als die Frau nennen, die ihnen entscheidend half, in Deutschland Fuß zu fassen. Fickel erzählt, sie habe zuvor noch nie ein Ehrenamt übernommen. Die Agrarwissenschaftlerin erinnert sich, wie ihr 2015 ein Arbeitskollege nebenbei berichtete, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Schließlich bot sich die 65-Jährige bei der Stadt und beim Kreis Offenbach für die Arbeit als Flüchtlingspatin an. Im November 2015 rief jemand bei Fickel an, die sich im Anschluss in der Unterkunft im Markwald für bis zu 35 Leute engagierte.

2016 flohen die heute neun- und zehnjährigen Sedra und Abdul mit ihrem alleinerziehenden Vater Mustafa aus der Hafenstadt Latakia zu Fuß und mit dem Lkw über die Türkei nach Deutschland, um letztlich in Mühlheim zu landen. Die Kinder zuckten in der ersten Zeit zusammen, wenn ein Flugzeug über den Ort flog, aus Angst, dass gleich Bomben detonierten.

Die meisten Kinder, die Schlimmes erlebten, sind nicht in der Lage, offen darüber zu sprechen. Fickel erzählt, wie sich das bei Abdul ganz anders verhält, der ihr von seinen Märschen durch Schlamm erzählt, von der Schwester, die einmal in ein Gewässer stürzte und der Vater rettend hinterher sprang, von Soldaten, die Jagd auf sie machten.

In Windeseile lernten die Kinder in Mühlheim deutsch. Fickel bemerkt, „man hört nur selten, dass sie hier nicht aufgewachsen sind“. Bestimmte Ausdrücke kommen immer noch hinzu, „wie etwa die unterschiedlichen Vokabeln für Meer und See“. Über den zehnjährigen Abdul sagt Fickel, „der hat Biss“. Es dauerte nicht lange, bis Abdul gute Noten schrieb. Fickel erzählt, wie er vor kurzem von der Schule zu ihr kam und einen niedergeschlagenen Eindruck hinterließ, weil er gerade eine Arbeit mit einer Zwei plus zurück bekommen hatte. Obwohl er das erste Wort deutsch erst vor knapp fünf Jahren sprach, gehört er in seiner Klasse zu den besten, „in Mathe sowieso“.

In Pandemiezeiten geht es auch in der Grundschule zum großen Teil nur noch online. Was nach Auskunft von Fickel jemanden wie Abdul erst mal ausschließt, „die Stadt installiert in der Unterkunft an der Schillerstraße kein W-LAN“. Dort lebt die Familie zu dritt in einem Zimmer. Ein Ehepaar aus Obertshausen besorge Abdul einen Laptop und einen mobilen W-LAN-Router samt Vertrag.

Ansonsten kommen die Kinder fast täglich bei der ehrenamtlichen Flüchtlingspatin vorbei. Fickel beschreibt Abdul als einen Schwamm, der alles Wissen aufsauge, „ein Junge, der ungemein an der Welt interessiert ist und alles liest, was ihm in die Finger kommt“. Natürlich ist es keine Frage, dass der Zehnjährige mit dem Sprung in die fünfte Klasse im Sommer auf das Friedrich-Ebert-Gymnasium wechselt. Die Berufswünsche von Abdul variieren, „mal will er Zahnarzt, dann Ingenieur und zwei Wochen später Forscher werden“. Realistisch wirkt alles. Monika Fickel hofft, dass sich die Wohnsituation der Familie um Vater Mustafa irgendwann ändert, „drei syrische Flüchtlinge stehen bei Vermietern nun mal nicht hoch im Kurs“. Monika Fickel schrieb Dutzende von Malen auf Anzeigen, „in letzter Zeit kam zumindest zweimal eine Antwort“. (Von Stefan Mangold)

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