Historie mit Geschmäckle

Geschichtsverein widmet dem Essen in Mühlheim ein Buch

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Besprechung des Geschichtsvereins zum in Arbeit befindlichen Buch „Fabulieren und Schnabulieren. Mühlheimer Geschichten rund ums Essen“. Es garniert die Rezepte regionaler Küche mit Anekdoten aus der Stadt.

Mühlheim - Mit „Fabulieren und Schnabulieren“ legt der Geschichtsverein im Oktober seine neue Publikation vor. Es handelt sich um weit mehr als ein Kochbuch, das auf regionale Küche zielt. Von Stefan Mangold

Die Mühlheimer Geschichten rund ums Essen und Anekdoten um die Rezepte geben Einblick in eine Zeit, als Löwenzahn und Brennnessel noch nicht als Attribute hipper Haute Cuisine galten. „Früher gab es nicht die Wahl, was man essen kann.“ Vorsitzender Karl-Heinz Stier kassiert bei der Vorstellung des neuen Geschichtsverein-Buchs die lukullische Romantik gleich ein. Das Werk wird zwar „Fabulieren und Schnabulieren“ heißen und Mühl-heimer Geschichten rund ums Essen“ erzählen. Aber keine Märchen. Milch, Eier, Mehl und Kartoffeln bildeten die Grundsubstanzen für so ziemlich alle Gerichte. In Einmachgläsern lagerten Früchte und Gemüse. Angelika Loewenheim, eine der Autorinnen, gewährt aus ihrer Jugend einen Blick in eine andere Welt. Ihr Vater hatte beruflich in Indien zu tun. Einmal schickte er per Luftfracht Mangos nach Mühlheim. Das wirkte, als läge heute ein Gewächs von einem fremden Planeten auf dem Teller.

Dem Alltag entsprach derweil, was Ingeborg Fischer von ihrer Großmutter zitiert: „Wenn im Keller ein Sack Kartoffeln steht, kann ich jeden Tag etwas anderes kochen.“ Der Bebauungsplan für die Rote Warte sah später, aber so kurz nach dem Krieg mit allen Entbehrungen immer noch zu Urzeiten, die Selbstversorgung vor. Seit 1952 wohnt in der Siedlung Ruth Ruhl, mit der Kornelia Heinzerling fürs Buch sprach. Statt Rasen wuchsen damals Kartoffeln, Spargel und Brombeeren im Garten. In einer Ära ohne Kühlschrank nutzte Gatte Karl-Heinz Ruhl eine spezielle Methode zur Konservierung: Im Jutesack vergrub er Teile der Ernte. Anbei steht das Rezept für die Klöße, die daraus entstanden: Geriebene Kartoffeln mit Salz und Majoran gewürzt, dazu das Zweifache an separat bereitetem Kartoffelbrei.

Armut verknüpft sich in unseren Gefilden schon lange nicht mehr mit Hunger. Jahrhunderte galt es als schmuck, einen Bauch vor sich her zu tragen. Das war Reichtum. Dem Appetit zu folgen, konnten sich nur Adel und Klerus leisten. Heutzutage verhält es sich eher umgekehrt: Je höher das Einkommen, desto enger der Gürtel.

Im verklärten Rückblick mancher Spätgeborener wirkt die Zeit der Selbstversorgung wie ein sinnliches Vergnügen. „Fabulieren und Schnabulieren“ verzichtet aber auf jedes „Früher schmeckte alles echter“. Gerda Brinkmann etwa erzählt von ihrer Lustlosigkeit, der Weisung der Mutter zu folgen, Kräuter zu sammeln, „Brennnesseln pflücken, das war nicht wirklich schön“.

OP unterwegs auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Auch Mühlheimer hielten Ziegen. Karl-Heinz-Stier spricht von der „Kuh des kleinen Mannes“. Manches Kind trug durch tote Haustiere ein Trauma davon. Fischer erzählt von einem Mädchen aus Lämmerspiel, das mit der Flasche eine Ziege groß gezogen hatte. Von der Schule wieder daheim, erfuhr das Kind, das Zicklein befinde sich beim Metzger: „Sie rannte sofort hin, doch die Ziege hing schon am Haken.“ Rotz und Wasser heulte Fischer zusammen mit ihrem Bruder, als sonntags zusammen mit Knödeln und Sauce Lieblingshase Schnucki auf dem Mittagstisch lag.

Angelika Loewenheim berichtet derweil von ihrer Nachbarschaft zur Müllerin Antonie Krebs. „Für meine Tochter Katja war deren Mühle an der Rodau wie ein Bauernhof.“ Von der 2013 verstorbenen Krebs habe sie viel über die regionale Küche gelernt, „etwa, wie man Endivien schmort“.

Die Anekdoten von Gerda Brinkmann, Ingeborg Fischer und Angelika Loewenheim bilden die Scharniere zwischen den Rezepten von 15 Autoren. Rüdiger Faller und Corinna Reining arbeiten an der technischen Realisierung des mit vielen historischen und kulinarischen Motiven bebilderten Buches, das zwischen 200 und 250 Seiten fassen wird.  Fischer erzählt noch von Georg Bruch. Der Lämmerspieler verteilte nach dem Krieg die Quäkerspeisung an der Schule. Trotz seiner Rolle erfreute er sich nur bedingter Beliebtheit. Dem Mann gehörte der Ziegenbock im Ort: „Brucheschorsch stankt wie sein Tier.“

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