hr-Karneval-Casting

Närrisches Treiben zur Vorweihnachtszeit

hr-Mitarbeiter und kritische Juroren verfolgten die Aufführungen.

Mühlheim - Lange Beine, kurze Röcke, Männer in grasgrünen Ganzkörper-Anzügen, ein Student in Frauenkleidern und dreißig Quietsche-Entchen im Papierschiff: Wer so vor den Christbaum tritt, muss schon ein bisschen närrisch sein. Von Michael Prochnow 

Genau genommen sind alle 600 Besucher aus Hessen, die sich am Wochenende in der Willy-Brandt-Halle vorstellten, Vollblut-Narren. Acht Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks müssen sich nun den Kopf zerbrechen, welche der mehr als 100 Tanz- und Musikgruppen, Sänger und Büttenredner in die vier hr-Sendungen zur Kampagne passen.

Schüchtern und aufgeregt kauerten die Gardistinnen vor ihrem Auftritt am Eingang, so als müssten sie gleich in einer Live-Show vor Bohlens bösen Bemerkungen bestehen. Im 15-Minuten-Takt huschten die Kandidaten in kuriosen Klamotten auf die Bühne, oder besser: in den Saal. Auf dem Podest saß nämlich die achtköpfige Jury. Leiter Axel Mugler schuf ein bisschen Show-Atmosphäre, kündigte jede Nummer schwungvoll an und überschüttete die Künstler zum Auszug mit Lob.

Darstellung als Gemeinschaft

Da hüpften sie ganz klassisch parallel und lächelnd im Polkatakt, begleiteten ihre Weisheiten über Männer und Frauen an den Saiten, wirbelten als Schwäne und Außerirdische übers Parkett. „Capitale und Morale, wir lieben unsre Stadt“, präsentierte Max Bonk die Mainmetropole als „Capitale Humorale“. Der Schauspiel-Student Marc C. Theis plauderte mit flämischen Akzent als Antje van der Bütt. Zwei Oberurseler erzählten und sangen im Bienenkostüm aus dem Leben der Drohne.

Die „Pitschedabbeler“ aus Hammersbach huschten mit einem UFO herein, die Damen des TSC Walldürn mit einem Schwan und „Die Mollys“ aus Pohlheim als Enten. Die flotte Nummer gefiel Mugler, „weil sie eine Geschichte erzählt“. Viel Trost sprach der Fernsehmann nach dem Patzer einer Gardetänzerin vom TV Elz aus: „Das macht überhaupt nichts, wir sind hier nicht in einem Turnier.“

Wichtig sei die Darstellung als Gemeinschaft. Und das war den Mädchen gelungen. Doch als die Sportlerinnen ihre Menschenpyramide fast vollendet hatten, fiel ein Mitglied aus drei Metern auf den Rücken. Es war nichts Schlimmes passiert, doch der Schock saß tief. Übler erwischte es eine Tänzerin, die eine Knieverletzung erlitt, bedauerte Mugler. Er leitet seit 2006 die Fastnacht im hr-Fernsehen.

Kaum noch Büttenreden

„Der Karneval ändert sich wie alles“, resümierte er. „Die klassische Büttenrede gibt’s kaum noch“, sie weiche der „Comedy“, die das ganze Jahr über Saison habe. Karl-Heinz und Hiltrudt alias Frieder Arndt und Petra Giesel aus Hanau sind Vertreter dieses Genres. Sie wurden vor sechs Jahren entdeckt, begeisterten dann bei der Concordia in Mühlheim. „Der Wortbeitrag bringt’s am meisten, der Zuschauer will erst mal lachen“, analysierte Mugler. Das sei anders als in Köln, wo die Narretei fast nur mit Musik funktioniere. „Wir haben nicht diese Feierkultur“, die Hessen „wollen unterhalten werden.“ Musik und Tanz seien hierzulande das „Salz in der Suppe“ und Garden durchaus gefragt, ihnen fehle aber oft der Nachwuchs.

„Unsere Fastnacht hatte lange den Ruf, dass sie immer dieselben zeigt“. Jetzt schreibt der Redakteur jährlich Ende August 900 Adressen an. Die TV-Macher schauen auch in die Zeitung und motivieren Gruppen, sich am Casting zu beteiligen. „Fürs Fernsehen sind Bilder das allerwichtigste, der Zuschauer will optisch unterhalten werden, was Neues sehen“, laute eine Vorgabe. Manchmal hätten Garden Meisterschaften gewonnen, eignen sich aber nicht für den Bildschirm.

Bilder vom Karneval-Casting

Karneval-Casting in Willy-Brandt-Halle

Juroren sind auch zwei Ton- und ein Videotechniker, die Moderatoren Karin Schmidt und Dieter Voss. Musikproduzent Peter Ernst will gute Laune und Authentizität erkennen. „Ich bin durch diese Arbeit ein großer Verehrer der Fastnacht geworden“, gestand der klassische Musiker. Im Gegensatz zum „Grand Prix der strammen Waden“, wo sich nur Männerballette messen, sei bei der Sendung „Frankfurt helau!“, der Inthronisation des Prinzenpaares, der künstlerische, musikalische und schauspielerische Anspruch sehr hoch.

Eine Kostümbildnerin besprach mit den Talenten die Kleidung, Lichttechniker und Kameraleute konnten schon notieren, welche Lichtfarben und -effekte eingesetzt werden. Etwa dreißig Darbietungen werden ausgewählt, innerhalb von zehn Tagen erhalten alle Teilnehmer an der Vorauswahl Bescheid. Die erwünschten Künstler werden dann zu Proben, Vorpremiere und zur Aufzeichnung nach Frankfurt eingeladen. Alex Mugler gefiel es in Mühlheim sehr gut: „Die Halle ist super, der Platz ideal und das Bürgerhaus-Team hat extrem kooperativ mitgemacht.“

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