Die Igel-Insel ist untergegangen

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Weil die Kreis-Veterinäre ihr Findelreh Rudi wegnehmen wollten, hat Ulrike Pachzelt Mühlheim endgültig verlassen.

Mühlheim - Michael Schumann zeigt ins große Nichts, um alles zu sagen. Sein Finger sticht stumm Richtung Teich. Da schwammen mal die beiden Schwäne, jetzt ist´s ein leeres Loch. Fingerschwenk zu den Aufpäppelboxen. Von Barbara Hoven

Dort sind unzählige Igel dem Tod von der Schippe gesprungen; jetzt sind die Kammern verlassen. Großer Schwenk übers Gelände. Hier hat der Rudi erst überlebt und dann gelebt; jetzt ist er fort. Die Mühlheimer Igel-Insel, sie ist so gut wie verschwunden. Haus und Garten werden gerade ausgeräumt, Ende Oktober wird die Rettungsstation endgültig Geschichte sein. Es ist an Michael Schumann, das letzte Kapitel zu erzählen. Denn die Igel-Insel-Chefin Ulrike Pachzelt, Schumanns Freundin, ist schon vor Wochen gegangen und wird auch nicht mehr wiederkommen.

22 Jahre hat die Mühlheimerin die Auffangstation betrieben, hat jährlich bis zu 1000 hilfsbedürftige Igel und andere Wildtiere aufgenommen und durchgebracht. Sie war Tag und Nacht im Einsatz. Doch als man ihr verbot, Reh Rudi zu behalten, hatte sie genug. Wie berichtet, hatte Pachzelt den kleinen Rehbock, den eine Spaziergängerin verlassen im Wald gefunden hatte, im Frühjahr vergangenen Jahres bei sich aufgenommen und Flasche für Flasche mit Ziegenmilch großgezogen. Aber schon bald entbrannte ein heftiger Streit zwischen Pachzelt und dem Kreis Offenbach. Die Veterinäre warfen ihr vor, das Reh habe bei ihr zu wenig Platz, die Unterbringung sei nicht artgerecht. Eine Einschätzung, der sich das Verwaltungsgericht Darmstadt anschloss. Doch Pachzelt weigerte sich, Rudi wegzugeben.

„Das Reh könnte ohne Probleme im Müllerweg bleiben“

Laut Schumann ist seine Freundin mittlerweile zu 7170 Euro Zwangsgeld verdonnert, die Sache ist immer noch vor Gericht. Da half bisher auch nicht, dass Eckhard Wiesenthal, Deutschlands einziger vereidigter Gutachter für private Wildtierhaltung, sich vor Ort ein Bild gemacht und in einer Expertise an das Veterinäramt befunden hat, „das Reh sei hier im Müllerweg bestens aufgehoben und könnte ohne Probleme bleiben“, erzählt Schumann.

Die Front ist verhärtet - beidseitig. Die Akteure der Igel-Insel haben das Sticheln gelernt. „Das ist so lächerlich, Frau Pachzelt wurde für ihr Engagement mit Landesehrenbrief und Hessischem Umweltpreis belohnt. Und jetzt werden wir hier verjagt, weil jemand einen persönlichen Hass auf uns hat“, sagt Schumann.

Leere Boxen zeugen von der Niederlage fürs Ehrenamt: Die im Markwald gelegene Igel-Insel wird Ende Oktober endgültig dicht gemacht, nun hofft Michael Schumann auf Umzugshilfe.

Nun sei der „geächteten Tierschützerin“ kein Zurück mehr möglich gewesen, erklärt Schumann. „Die Beamten hätten ja niemals Ruhe gegeben.“ Kurz bevor die Offiziellen kamen, um Rudi abzuholen, sei Pachzelt regelrecht aus Hessen geflohen, habe für den Rehbock auf dem Wendelinushof im bayerischen Eck des Odenwalds ein Plätzchen gefunden, „wo er mit behördlicher Genehmigung bleiben darf“. Und nun versuche sie, trotz der „großen finanziellen und menschlichen Probleme, die ihr ins Haus stehen“, für sich und ihre Tiere ganz in der Nähe in Baden-Württemberg ein neues Heim „aus einem leer stehenden, stark renovierungsbedürftigen Haus mit Stall“ zu schaffen. „Frau Pachzelt wollte ja nie aus Mühlheim weg, sie ist sehr traurig. Aber jetzt ging es nicht mehr anders, sie fühlte sich verfolgt und mit Füßen getreten“, erzählt der Freund.

Jede Hilfe wird benötigt

Schumann hofft nun, dass sich Tierschützer oder Freunde der Igel-Insel finden, die den Umzug unterstützen: „Brauchen können wir jede Hilfe, von Umzugskartons über Baumaterial bis hin zu Geld oder Arbeitskraft.“ Wer helfen möchte, erreicht Schumann unter Tel: 06108/71657.

„Ich bedauere zutiefst, dass die Igel-Insel Mühlheim verlässt“, sagt Bürgermeister Daniel Tybussek auf Anfrage und betont gleichzeitig, dass die Stadt die Umstände nicht zu verantworten habe. Das Engagement von Frau Pachzelt habe er sehr geschätzt. „Ich wünsche ihr alles Gute und bleibe in Kontakt.“

Eine Stellungnahme des Kreises zu den Vorwürfen war gestern bis Redaktionsschluss nicht zu bekommen.

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