„Interessiert an vielem“

Kriminalwissenschaftlerin Nicola Hahn stellt neue Werke vor

Autorin und Herausgeberin: Nicola Hahn zeigt ihre neuen Werke „Kriminalistische Denklehre“ und „Meer für die Füße!“.
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Autorin und Herausgeberin: Nicola Hahn zeigt ihre neuen Werke „Kriminalistische Denklehre“ und „Meer für die Füße!“.

„Gröler und Nöler, besoffene Machos, die aggressiv labern und Frauen verachten, Plätze besetzen, Parks vermüllen, Messer wetzen ... Straßen schlachten.“ Die das schreibt, weiß, wovon sie spricht. Sie will einfach nicht „Immer-zu-schweigen“ und hat unter diesem Titel Erfahrungen „statt eines Vorworts“ aufgeschrieben. Nicola Hahn ist Polizistin, Kriminalbeamtin, Dozentin an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung in Mühlheim. Und veröffentlichte gerade Buch Numero 14, „Meer für die Füße“.

Mühlheim – Dementsprechend sind ihre „Lyrischen Lästereien“, wie sie die Sammlung ihrer Verse untertitelt, brandaktuell: „Betroffenheitsprofis, die online klagen, Empörte, die fremde Türen bekehren, Fantasten, die lauter Käse verbreiten, Menschen ohne Kinderstube, die aus der verbalen Jauchegrube in asozialen Medien streiten.“ Als Angehörige des Jahrgangs 1963 und der Bereitschaftspolizei hat sie bereits die Gewalt bei den Protesten gegen die Startbahn West berührt, wo Kollegen aus der eigenen Hundertschaft erschossen wurden.

„Eiferer, die fern vom Leben an Ideen kleben, naive Gören, die Systeme zerstören, Experten benennen, die Standards nicht kennen, Science to listen, Meinung statt Wissen.“ Davon ist die Schreiberin selbst weit entfernt. Für sie ist es faszinierend, Quellen zu recherchieren, um so Lösungen zu finden. Nicola Hahn beschreibt sich als „interessiert an vielem und neugierig“, möchte Dingen auf den Grund gehen.

So entstanden auch ihre beiden „Krimis zur Kriminalistik“. Für „Die Detektivin“ und „Die Farbe von Kristall“ hat sie seit 1995 ungezählte historische Protokolle durchforstet, um mit ihren Storys die Anfänge der Ermittlungsarbeit zu skizzieren. Zu Präzision und Akribie passen die Zwänge des Markts nicht, hat sie gelernt. „Da hat der Verlag ein Bild vom Dom spiegelverkehrt aufs Cover drucken wollen, das erst 30 Jahre später entstand“, begründet die Schriftstellerin den Abschied von einem namhaften Editor und den Schritt ins eigene Unternehmen.

„Schreiben ist nicht mein Hobby“, unterstreicht sie ihren professionellen Anspruch. Dabei lässt sie die Wirtschaftlichkeit nicht aus den Augen: „Eine Büchersendung darf nicht mehr als 400 Seiten umfassen“, lehrt sie. Also hat sie auch so manchen ihrer Kommentare zu Lothar Philipps „Kriminalistische Denklehre“ gekürzt. „Beim Durchlesen der Berichte der unteren Organe der Polizei fällt oft der völlige Mangel an logischem Denkvermögen auf; Fehlschlüsse über Fehlschlüsse“, beklagte der jüdische Psychoanalytiker vor mehr als 90 Jahren.

Auch für den Laien verständlich arbeitet die Herausgeberin Parallelen zum Ermittlungsalltag im 21. Jahrhundert heraus. „Man kann ihnen aber gar keine Vorwürfe machen“, nahm Philipp die Beamten in Schutz, „denn Logik ist ihnen auf keiner Schule beigebracht worden“. Dabei kritisierte er, „Hast und die gesteigerte alltägliche Interessenpolitik, verbunden mit dem ständigen Daseinskampf, haben uns oberflächlich werden lassen“.

„Wir müssen Argumente abwägen, Informationen hinterfragen, andere Meinungen akzeptieren und Vorurteile vermeiden“, übernimmt die Ausbilderin von Polizeipressesprechern am Bepo-Kreisel. Sie war dort die erste Frau, „ich kam mir vor wie ein Exote im Zoo“, erinnert sie sich und lächelt: „Heute gibt es da keine Probleme mehr.“

Heikler für die behütet aufgewachsenen Schüler sei es da, wenn sie lernen müssen, Gewalt anzuwenden. „Wir tun das für die Opfer, manchmal auch für einen Verdächtigen.“ Dazu hat Nikola Hahn mittlerweile ein Dutzend Fachbücher geschrieben, über Gefährderansprache bis zur Vernehmung von Augenzeugen, „das hat mir am Herzen gelegen“.

Über die Zukunft ihrer Zunft macht sich die Verlegerin keinen Kopf. „Bücher wird’s immer geben, nur die Inhalte ändern sich“, werden vielleicht „nicht mehr so ausschweifend“ sein. E-Books seien günstiger, aber als Fachliteratur nicht geeignet. Auch Lyrik liest sich schöner von Papier: „Populistengeschwätz, Hetze und Hass: Immerzu Lautes und Dummes hören – wollen wir das?“

Infos im Internet

thoni-verlag.com

(Von Michael Prochnow)

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