Feldweg statt Datenautobahn

Kein Platz mehr in Leitung

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Mühlheim - Positiv formuliert: In Zeiten, in denen die Datenströme vielerorts schneller fließen, als der Computer seinem Nutzer statt dem Mauszeiger die berüchtigte Eieruhr als Bitte um etwas Geduld zeigen kann, geht Lämmerspiel als Insel der Gelassenheit durch. Von Marcus Reinsch

Negativ formuliert: „Ich fühle mich zurückversetzt ins Mittelalter!“ So schreibt’s Daniel K. an unsere Zeitung. Er sehnt sich nach einer Datenautobahn, darf aber nur auf einen Feldweg.

K. ist vor drei Monaten eigentlich guten Mutes von Offenbach nach Lämmerspiel gezogen und räumt heute etwas selbstkritisch ein, dass er „bei der Wohnungssuche nicht bedacht habe, dass die Internetverbindung im Rhein-Main-Gebiet ein Problem darstellen könnte“. Dass sie das sehr wohl kann, erfuhr er seiner Darstellung nach häppchenweise.

Durch Telekom zugesagt

In Offenbach hatte er eine sogenannte VDSL-Leitung, also einen Anschluss mit ordentlichem Durchsatz. „Dies wurde mir anfangs durch die Telekom auch in Lämmerspiel zugesagt“, erklärt er. Nach ein paar Wochen allerdings habe es geheißen, dass doch nur noch eine 6000er-Leitung drin sei - was gemessen an den Möglichkeiten andernorts gewissermaßen fast nichts ist, weil DSL 6000 über Kupferkabel eher selten tatsächlich sechsfaches DSL-Tempo bedeutet. Das liegt schlicht an Physik: Wer nicht direkt auf dem nächsten Knotenpunkt wohnt und sich die Kapazität auch noch mit anderen Anwohnern teilen muss, verinnerlicht früher oder später, was ein Nadelöhr ist. Da wird die Datenrate ruckzuck magersüchtig und der Kunde deprimiert.

Doch selbst diese Erfahrung wird Daniel K. wohl erspart bleiben. „Vor einem Monat habe ich die Information erhalten, dass aktuell keine Ports für DSL verfügbar sind“, sagt er. Sprich: Kein Platz mehr frei in der Leitung.

Nebenerwerb liegt auf Eis

Das wiederum ist ein Riesenproblem. Nicht nur vor dem Hintergrund, dass sich die Telekom bereits viel Zorn zugezogen hat mit ihrer Ankündigung, die zuvor nur von Flatrates bei Mobilfunkverträgen bekannte Deckelung des Hochgeschwindigkeitsvolumens auch auf Internetheimanschlüsse anzuwenden. Sondern vor allem, weil K. das, was er eigentlich vorhat, in Lämmerspiel wohl vergessen kann: „Eigentlich wollte ich mich nebengewerblich der Fotografie widmen, aber dies ist jetzt komplett auf Eis gelegt.“

Ein Problem, das all jene betrifft, die dicke Datenpakete durch die Leitung schicken wollen wie Nutzer von Internetportalen für Musik und Videos: Eine Alternative zur Nutzung des etwas altbackenen Telefon-Kupferkabels, das die Telekom und einige Konkurrenten nutzen, gibt es in Lämmerspiel eigentlich nicht. Kabelprovider wie Unitymedia, die Datenströme mit viel verlustfreierer Rate durchs Fernsehkabel schicken, sind im Stadtteil nicht aktiv.

Neu-Lämmerspieler K. ist entsprechend sauer. „Das betrifft ja alle Neuzugezogenen“, sagt er. Und sehr ärgerlich sei das Problem auch für Gewerbetreibende und Leute, die von zu Hause aus arbeiten. Seine Erfahrungen hat er auch mit der Stadt geteilt, die in Verbindung mit der Telekom stehe.

Lämmerspiel ist „Schwarzes Loch“

Reinhard Langendorf, im Rathaus Fachbereichsleiter Bauen und Liegenschaften, weiß ziemlich genau, wovon der Zugezogene spricht. Was die Versorgung mit Breitbandinternet betrifft, gebe es in Lämmerspiel bekanntlich ein „schwarzes Loch“ - und beim Versuch, als Stadt Mittler zwischen Telekom und Bürgern zu sein, ganz ähnliche Erfahrungswerte: „Wir bekommen heute das eine gesagt und morgen das andere.“

Lösungsansätze, die allen helfen würden? Gibt es zwar. Aber eher keine, aus denen Betroffene kurzfristig Hoffnung ableiten können. Noch bis Ende Mai läuft auch über die Mühlheimer Internetseite www.muehlheim.de die Breitband-Umfrage, aus deren Ergebnis der Kreis Offenbach die Handlungsanweisung ableiten könnte, in Sachen Breitband-Ausbau selbst tätig zu werden. Von welchem Geld, das ist vorerst allerdings schleiferhaft.

Langendorf übt Systemkritik: Der Anspruch, dass ein vernünftiger Internetanschluss Teil der öffentlichen Infrastruktur wird, greife um sich. Schneller Datentransport werde zunehmend ein Standortfaktor, und nicht mal ein weicher. Allein: Da sei die öffentliche Hand in einem Dilemma, weil das öffentliche Interesse mit privatwirtschaftlichen Interessen kollidiere. Letzteres herrsche eben nur, wenn Rendite locke, Investitionen in teure Infrastruktur also lohne.

Daniel K. sieht sich derweil erstmal in einer Sackgasse: „Aktuell konnte ich bei der Telekom nur von meinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen.“

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