Herbergssuche für Schnitzer

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Dietesheim verliert ein einzigartiges Merkmal, das Geschäft für Krippen aus Südtirol, Schnitzereien aus dem Erzgebirge und in orientalischem Stil. Karl und Elke Rauch machen nun da weiter, wo sie angefangen haben: zu Hause in der Hauptstraße 10. Karl Rauch mit einer Figur des Jesuskindes in der Dimension einer Kirchenkrippe.

Mühlheim - Die Situation von Karl und Elke Rauch erinnert ein bisschen an die Lage der Personen, die bis heute Mittag -zigfach in ihren Regalen ausgestellt sind: Auch Josef und Maria standen irgendwie auf der Straße, wussten erstmal nicht wohin.

Die Inhaber des in der Region einzigartigen Krippen-Fachgeschäfts in Dietesheim müssen bis Ende des Jahres raus, der neue Besitzer des Gebäudes an der Hauptstraße 20 hat Eigenbedarf angemeldet. Nur noch heute, an Heiligabend bis 13 Uhr, gibt es Jesusfiguren, Hirten und die Heiligen Drei Könige, Ställe und ganze Bauernhöfe zum Schnäppchenpreis. Ans Aufgeben denken die Rauchs jedoch genauso wenig wie die Heilige Familie: Kunden können ihre Sammlung auch in Zukunft über die Experten ergänzen oder komplette Krippen erwerben. Schließlich wohnen die Geschäftsleute nur ein paar Hausnummern weiter die Hauptstraße runter. Und in den eigenen Räumen hat auch alles angefangen, erzählen die Liebhaber traditioneller Schnitzkunst.

„Es tut schon weh, so abrupt aufhören zu müssen“, gesteht der waschechte Basaltkopp. „Wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht und mit viel Herzblut drangehangen.“ Dann erzählt der gelernte Elektro-Installateur, wie vor Jahr und Tag alles nach Feierabend in Hof und Keller begonnen hat. Karl Rauch entdeckte bereits früh Freude und Talent daran, Figuren zu schnitzen und Krippen zu kreieren. Bei einem Urlaub in Österreich war er von einer Weihnachtsszene in einer Kirche tief beeindruckt. Selbst solch kostbare Kunstwerke zu erwerben, das war ihm rasch klar, sei für ihn nicht bezahlbar.

Also nahm er Messer und Feile in die Hand - die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Dennoch setzte der damalige Lagerleiter bei Allibert für das Ladengeschäft, das seine Frau seit 20 Jahren führte, schon bald auf überlieferte Bräuche und erfahrene Talente. Die lernte Rauch in Südtirol kennen. Die Schnitzer-Hochburg in Norditalien liegt im Grödnertal, in Sankt Ulrich, Wolkenstein und Sankt Christina. Da kennt der Hesse inzwischen fast jede Werkstatt, kann einzelne Figuren ihren Erschaffern zuordnen. Diese Kenntnisse sind von großem Wert, wenn eine Figur kaputt ist oder ergänzt werden soll.

Aus einer Kirche in Großauheim hatte jemand das Jesuskind aus dem Stroh gestohlen, erinnert sich der Dietesheimer. Die Gemeinde verfügte über keine Rechnung für das Ensemble, doch Karl Rauch schloss vom Stil auf den Künstler, fuhr selbst zu dem Schnitzer und ließ Ersatz anfertigen. „Mich fasziniert diese gemütliche Art“, erklärt er seine Liebe zur Baukunst der Südländer. Er hat sich auf die Konstruktion der passenden Behausungen spezialisiert, fotografiert Höfe in den Alpen oder fertigt Zeichnungen aus dem Gedächtnis an. Die graphitgrauen Kieselsteine für Dächer und Wandverputz holt er nur aus einem Bach in der Vorderkaserklamm, auch alle verarbeiteten Äste stammen von dort.

Das Sortiment der Rauchs umfasst ebenso Weihnachtskrippen aus dem Erzgebirge und in orientalischem Stil. Die Versionen von der Nussschale bis zur fast lebensgroßen Krippe kosten zwischen 19,95 und 3000 Euro. Die Saison begann stets im September, da waren Schwibbögen und Räuchermänner gefragt. Zu Ostern kauften vor allem Frauen hölzerne Blumen und Hasen ein, ergänzt der Fachmann. Ab dem nächsten Herbst wollen sie Verkaufsräume anmieten und ihre kostbare Ware auf ausgewählten Weihnachtsmärkten präsentieren. Das seien sie schon ihrer treuen Kundschaft schuldig.

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