Keine Frage des Alters

Dietesheimer Kerb lockt Generationen

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Die „Hauptperson ist natürlich der Kerbborsch, den seine Wiederbelebung durch die Sträßchen führt.

Mühlheim - Der Kerbborsch lebt wieder. Beim traditionellen Umzug holten die Kappenträger am Samstag den Kerl ab. Die entspannte Fröhlichkeit aller Generationen auf der Dietesheimer Kerb kann auch jene anstecken, die mit Volksfesten sonst wenig am Hut haben. Von Stefan Mangold 

Vielleicht liegt es daran, dass Dietesheim einst per Dekret nicht ganz freiwillig plötzlich zu Mühlheim gehörte. Was Udo Parakenings, Pfarrgemeinderatsvorsitzender von St. Sebastian, an der Spitze des Zuges immer wieder ausruft, das klingt wie „Dennoch bleibt uns was.“ Das Ritual lautet: „Wem ist die Kerb?“ „Unser!“ antwortet der Chor. An der Hauptstraße vor der Musikschule, die ganz Dietesheim noch Schwesternwohnheim nennt, geht es los. Um die Ecke sind die Evangelischen mit ihrer Weinlaube „hinner de Kerch“. Begleitet wird der Zug von Mitgliedern der Musikvereine Dietesheim und der Eintracht Offenbach aus Bieber.

Zum ersten Mal erklingt die Melodie. Engländer würden sich sicher wundern, was bei einem deutschen Volksfest „God Save the Queen“ zu suchen hat. Der Text hat mit der britischen Königin zwar die Verehrung für einen Herrscher, sonst aber wenig gemein. Fraglich, ob Elisabeth „amused“ wäre, wenn sie von der Selbstbeschreibung der Dietesheimer zu ihrer Melodie wüsste. Von „trinkfest und arbeitsscheu, aber dem Kerbborsch treu“, ist die Rede, als ob es die Sekundärtugend noch rausreißen könnte. Über die Hanauer Straße geht es weiter in die Bettinastraße. Damit nichts passiert, sperren die Helfer vom Freiwilligen Polizeidienst ab.

Die Kappenträger unterstützen den Dietesheimer Schiffschaukel-Verein, der das Kult-Gewackel wiederbeleben wird.

Im Hof der Familie Schwemmler sitzt er dann, der Kerbborsch, der am Ende den viel beweinten Tod finden wird. Und dort bekommt auch Wolfgang Kramwinkel Anschluss an den Zug, bis vor kurzem Ober-Kappenträger und Conferencier der Dietesheimer Fastnacht, der seinen Posten nach 33 Jahren räumte. „Der gefühlte Chef ist er immer noch“, erklärt Kollege Uwe Seyfert. Als Kappenträger wird man berufen. Er habe sich qualifiziert, erklärt Seyfert, als er sich vor zehn Jahren rund um den Gardetanz von Tochter Vanessa engagierte. Kramwinkel beobachtete ihn, „es scheint, der kann schaffe“.

Auch Schoppemogul Lothar Ulitzsch schaut vorbei. Mühlheims Getränkehändlerlegende hat mittlerweile viel Zeit und schätzt in Dietesheim, „dass es so familiär zugeht“. Alle Generationen laufen beim Umzug mit, den die Musiker mit Liedgut wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ begleiten. Hier kann das egal sein, auch im Hof von Jenny Beheim gibt es was.

Überhaupt braucht niemand auf dem Weg über die fünf Stationen, vorbei an Dietmar Hentschel, den Familien Luckmann und Lemmer und Heiner Beseler, Durst zu leiden. Auch nicht der 22-jährige Marcel Witter. Der bleibt der Kerb treu, auch wenn er mittlerweile in Weiterstadt wohnt. Nick Zortea, Nadine Urban, Marc Stingel und Tim Seidel beweisen, dass Nostalgie keine Frage des Alters ist. Die vier kennen sich seit der Kindheit. Keiner ist älter als 26 Jahre.

Fotos zur Kerb 2018 in Dietesheim

Zortea erzählt, wie er auf der alten Schiffschaukel einmal 109 Umdrehungen schaffte. Eine Zahl, bei der ein Erwachsener fürchten muss, ein Wiedersehen mit seinem Bier zu erleben. Die Schiffschaukel durfte aus sicherheitstechnischen Gründen nicht mehr zum Einsatz kommen. Nick Zortea kaufte sie und gründete mit seinen Mitstreitern den „Dietesheimer Schiffschaukel e.V.“, um die lieb gewonnene Kindheitserinnerung zu restaurieren und im nächsten Jahr wieder aufleben zu lassen. Ein Vereinsbutton kostet drei Euro. Die Unterstützung der Kappenträger haben sie.

Zu denen gehört auch Bernd Müller, der nicht unerwähnt lässt, dass mit Karl-Christian Schelzke, dem aktuellen Amtsträger Daniel Tybussek und ihm erstmals gleich drei Bürgermeister mitlaufen. Wie es dazu kommt, dass die Kappenträger in diesem Jahr eine Doppelfunktion übernehmen und „Wir sin‘ Kerbborsch“ auf ihren T-Shirts prangt, deutet Müller nur an: „Das wurde im Vatikan entschieden ...“

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