85 Jahre Siedlergemeinschaft Rote Warte: Irma Hartung leitet die Frauengruppe

Keiner widerspricht der Kuchen-Irma

 Irma Hartung zeigt ein Foto der Frauengruppe aus der Siedlergemeinschaft Rote Warte.
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 Irma Hartung zeigt ein Foto der Frauengruppe aus der Siedlergemeinschaft Rote Warte.

1935 legten elf Siedler den Grundstein für die Rote-Warte-Siedlung im Westen Mühlheims. Bereits 1936 gründete sich dort die Siedlergemeinschaft, die in diesem Jahr 85 Jahre alt wird. Wir stellen in loser Reihenfolge ganz unterschiedliche Menschen aus dem Quartier vor.

Mühlheim – Sie ist eine Eingeplackte, wie der Hesse liebevoll titelt, eine Zugereiste. Aber sie lebt dort, wo die Siedlung ihren Anfang nahm. Irma Hartung ist jetzt 92 Jahre jung und seit 2010 Leiterin der Frauengruppe in der Siedlergemeinschaft.

Gleich nach ihrem Umzug an den Kuhmühlgraben schloss sich Irma Hartung der Frauengruppe an.

Entspringt der Name Rote Warte der Bezeichnung Rodauwarte? Die gebürtige Bermuthshainerin hat es auch nie herausgefunden. Sie stammt aus dem Grebenhainer Ortsteil und lebte lange in Heusenstamm. 1975 hatte sie Werner Hartung kennengelernt, der auf einem Hof an der Stadtgrenze zu Offenbach lebte, am einstigen Turm der Warte mit meterdicken Mauern.

Das Bauwerk diente den Frankfurter Stadtsöldnern zu den beiden Messezeiten im Jahr als Unterkunft. Von dort aus geleiteten sie die durchziehenden Kaufleute. Hartungs führten auf dem 2000 Quadratmeter großen Grundstück am Alten Frankfurter Weg einen Bauernhof. 1980 hatte ihr späterer Schwiegervater alles abgerissen und den Besitz geteilt, neue Wohnhäuser entstanden. Die aktive Siedlerin war wegen ihrer Kinder aus erster Ehe zunächst noch in der Schlossstadt geblieben, heiratete den Mühlheimer erst 1985. Beruflich war sie als Büroleiterin bei einer amerikanischen Firma für Schleifmaschinen in Dreieich tätig, führte Messestände und saß auch im Betriebsrat. Gleich nach ihrem Umzug an den Kuhmühlgraben schloss sie sich der Frauengruppe an.

„Ich wohne hier, und hier möchte ich auch Kontakte haben“, untermauert sie ihren Schritt. Bernd Popp, der damalige Vorsitzende der Gemeinschaft, holte sie in den Verein. „Ich hatte ein kontaktfreudiges Elternhaus“, sagt Hartung, die sofort bei Neujahrsfeuer, Fastnachtsfeier und am großen Kuchenstand auf dem Wäldchestag mitwirkte. Auch führte sie die „Waffelflotte“ beim Fest der Rote-Warte-Schule an, ein Trio, das die kleine Grundschule am Wald unterstützt.

Zuletzt kamen die „weiße Nacht“ und das Bierfest im Bürgerpark im Veranstaltungskalender der Anwohner hinzu. Es folgte das Oktoberfest, ein Tanznachmittag für alle und die vorweihnachtliche Feier. „Wir kommen aus dem Feiern nicht heraus“, erkennt die engagierte Helferin und schmunzelt, denn sie packt gerne mit an. Der „harte Kern“ repräsentiert die Siedler zudem bei Festen anderer Vereine.

„Mir fällt da keine Perle aus der Krone“

Keine Frage, dass die Frau aus dem Vogelsberg bald im Vorstand der Gemeinschaft saß. Als Beisitzerin vertrat sie vor allem die Frauengruppe. Bis vor ein paar Jahren leitete Erna Göhler die zwei Dutzend aktiven Damen, steckte sie in weinrote Schürzen, wenn sie beim Kaffeenachmittag ihre selbst kreierten Backkunstwerke anschnitten und Kaffee ausschenkten. „Im Schnitt kamen 100 Gäste, wenn Schmidtchen Schleicher spielte“, erinnert Irma Hartung. Der Mann aus der Wetterau war zumindest in den Augen der Seniorinnen ein „ganz toller Musiker“. „Das war das, was den Leuten gefehlt hat“, hat die Leiterin erkannt. Mit dem „Garant für ein volles Haus waren wir wie eine große Familie“.

Sie hatte immer 30 Kuchen organisiert, für den großen Wäldchestag rang sie den Nachbarn 70 Zeugnisse der Backkunst ab – „und keiner wagte, der Kuchen-Irma zu widersprechen – das war wie ein stiller Wettbewerb.“

Hartung begeisterte sich auch fürs Saal-Dekorieren: „Mir fällt da keine Perle aus der Krone.“ Für die Busfahrten zur Stadtführung durch Lauterbach und ins Café ihrer Schwester, ins Orchideen-Café im Odenwald, nach Schotten, Hungen und Bad Orb hatte sie sich Witze notiert, „damit sie nicht einschlafen“.

Beim Rentnerinnen-Plausch an jedem ersten Mittwoch im Monat schmetterten sie die „Hymne über die Rote Warte“, zum Geburtstag stand Hartung mit Blumen vor der Tür, selbst beim letzten Gang begleitete sie die Mitglieder der „eingeschworenen Truppe“. Dann kam Corona. „Wir vermissen die Gemeinschaft, sehnen uns ein Wiedersehen herbei.“ Die Pandemie sei auch „für die Vereinskasse sehr schade“.

Äußerlich habe der Stadtteil „sehr an Qualität gewonnen, wir haben ein schönes, gepflegtes Viertel in zentraler Lage“, zitiert sie eine ihrer Freundinnen von auswärts. Irma Hartung vertreibt sich die Zeit mit Rummicup, das sie mit Witwen aus Waldheim spielt. Und mit der Suche nach einer Nachfolgerin. Aber jetzt bereitet sie erst mal eine Überraschung zum Wiedersehen nach dem Lockdown vor. (Michael Prochnow)

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