Flüchtlingskindern nicht nur den Ball nahebringen

Der andere Deutschkurs von Kickers Viktoria

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Leibchen überstreifen, loskicken: Dem montäglichen Training im Sportzentrum fiebern Flüchtlingskinder immer schon entgegen. Außer, es steht der Deutschkurs an. Der ist erstmal noch wichtiger als der Rasenspaß.

Mühlheim - Für ein Dach über dem Kopf ist gesorgt. Wenn’s erstmal auch nur ein Zeltdach ist. Viele Mühlheimer begleiten die neuen Nachbarn dazu auf dem Weg ins Leben der neuen Heimat. Fußballer von Kickers Viktoria zum Beispiel.

Sie laden Erwachsene und Kinder wöchentlich zum Training ein. Wenn Reinhard Raab am Bürgerhaus parkt, stehen die sieben Jungs und zwei Mädchen meistens schon am Eingang der Zeltunterkunft. Einige Jungs haben ein Skateboard in der Hand, mit dem sie den Montagsausflug zur Anton-Dey-Straße unternehmen möchten. Davon ist der einstige Spieler von Kickers Viktoria gar nicht begeistert. „Eins, zwei, Polizei“, sagt er auf, seine Schützlinge plappern ihm die Zeile immer wieder nach. „Auf dem Weg zum Sportzentrum bringe ich ihnen immer einen Schüttelreim bei“, erzählt der Senior. Immerhin, eine gute Viertelstunde ist seine Mannschaft unterwegs, quer durch die Stadt, am Rathaus vorbei. Zeit genug für die Schüler, ein paar neue Wörter aufzuschnappen. „Sieben, acht, gute Nacht.“

Von wegen, jetzt geht’s erst richtig los. Zwischen zwei Jugend-Teams von KV trainieren die jungen Syrer und Afghanen. Ein Tor hinter dem Feuerwehrkomplex können sie benutzen, das gegenüber liegende haben sie mit Taschen und Jacken markiert. Mit Leibchen in Signalrot bilden sie zwei Gruppen. Drei Geschwister-Paare sind dabei, „und alle haben am 1. Januar Geburtstag“, kennt der Trainer die Daten seiner Spieler. Viele kamen ohne Papiere, also wurde das Datum von Amts wegen festgelegt.

Bilder: OFC-Chancencamp für Flüchtlinge

Nur der flinke Mittlestürmer hat einen „echten“ Jahrestag. Raab überraschte ihn mit einem Geschenk, „der war völlig von den Socken“, erzählt der Coach. „Anscheinend ist das in ihrer Kultur kein Anlass zu feiern.“ Auf dem Rasen ist schon der Kampf ums Leder entbrannt. Die Jüngsten haben es sich gemütlich gemacht, die Älteren kämpfen um jeden Ball. „Einige werden wohl in Jugendmannschaften aufgenommen“, beurteilt der Leiter die Talente. Trikots und kurze Hosen haben sie schon von Vereinskameraden bekommen. Auch die Gruppe der erwachsenen Flüchtlinge ist längst mit Kicker-Klamotten ausgestattet. Sie spielt ebenfalls am Montag, an diesem Nachmittag allerdings nicht: Fast alle haben eine Prüfung im Deutschkurs, und das ist selbst den Fußballlehrern wichtiger als der Sport.

Richard Raab pfeift sein Match ab, gewinnt sein Team fürs Bälle-Einsammeln mit dem Zauberwort „Schokolade“. Das verstehen alle!

M.

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