„Immer nur nach Schema F“

Kinder dürfen Zeit der Quarantäne nicht bei Mühlheimer Flüchtlingshelferin verbringen

Monika Fickel
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Monika Fickel

Monika Fickel gehört zu den Menschen, die Politiker in Sonntagsreden wegen ihres ehrenamtlichen Engagements gerne über den grünen Klee loben. Sie arbeitet seit mehr als fünf Jahren, ohne einen Cent dafür zu bekommen, in der Flüchtlingshilfe. Momentan fühlt sich Fickel allerdings von den Behörden brüskiert, „Vorschriften gelten mehr als Kindeswohl“, meint sie.

Mühlheim - Fickel kennt sich in der Flüchtlingsunterkunft an der Schillerstraße aus. Dort betreut sie vor allem einen alleinerziehenden syrischen Vater mit seinen zwei Kindern im Grundschulalter. Zu dritt leben sie in einem Zimmer. Fast täglich kommen die Kinder bei Fickel vorbei – vor allem, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Viele deutsche Eltern würden einen Sohn, der so rasend schnell wie der zehnjährige Abdul lernt, das Label „hochbegabt“ verpassen (wir berichteten). Die Kinder haben zurzeit allerdings das Pech, ins Räderwerk der Paragrafen zu geraten.

Monika Fickel erzählt, vom 7. auf den 8. April hätten die beiden bei ihr übernachtet. Im vergangenen Jahr beherbergte die Agrarwissenschaftlerin zeitweilig die ganze Familie in ihrem Haus. Zufällig erfuhr die 65-Jährige am Donnerstagmorgen von einem Fall von Corona in der Flüchtlingsunterkunft. Bei einem Offenbacher Kinderarzt wurde ein Säugling aus dem Heim positiv auf Covid-19 getestet. Mittlerweile liegen Mutter und Kind im Krankenhaus.

Fickel gehört nicht zu denen, die Corona auf die leichte Schulter nehmen, „meine Schwester starb im Januar an den Folgen einer Infektion“. In Offenbach hatte offenbar niemand den Fall nach Mühlheim gemeldet. Fickel gab am Donnerstagmorgen telefonisch bei der Stadt Bescheid. Zuerst habe sich ein Mann herzlich bei ihr für die Information bedankt, berichtet sie.

Im Anschluss habe sie mit einer zuständigen Dame telefoniert und ihr erklärt, die Kinder seien ohnehin gerade bei ihr. Sie würde sie testen und diese die notwendige Quarantäne in ihrem Haus mit großem Garten verbringen lassen. Mit dem Vater habe sie das Arrangement schon abgesprochen. Fickel erklärte außerdem, die Kinder hätten vor kurzem erst eine Quarantäne hinter sich gebracht – zu dritt in einem Zimmer. Das würde für die Kinder jetzt den Ablauf bedeuten: zwei Wochen im Zimmer, zwei Wochen frei, wieder zwei Wochen im Zimmer. Das wolle Fickel Sedra und Abdul ersparen.

Eigentlich hatte Fickel mit einer von Fürsorge bestimmten Reaktion gerechnet. Stattdessen habe man sie brüsk zurückgewiesen. Man habe in der Unterkunft das Hausrecht, „bringen Sie die Kinder sofort dorthin“, habe sie zu hören bekommen. Der Grund, den die Dame am anderen Ende der Leitung laut Fickel nannte: Man könne die Einhaltung der Quarantäne nicht überprüfen, wenn die Kinder bei ihr seien.

Fickel konstatiert, „im Gegensatz zu anderen Gemeinden handelt Mühlheim immer nur nach Schema F“. Generell gelte, „man will immer alles von mir wissen, aber wenn ich eine Frage habe, höre ich nur ‘Datenschutz’“.

Das Ordnungsamt antwortete auf die Bitte unserer Zeitung um Stellungnahme, „die Anordnung einer Quarantänemaßnahme inklusive der Bestimmung der Dauer und des Ortes liegt einzig und alleine im Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsamtes des Landkreises Offenbach. Die Stadt Mühlheim hat hier keinerlei eigene Befugnisse oder Ermessen zur Abweichung im Einzelfall“. Im Ordnungsamt kam man offenbar nicht auf die naheliegende Idee, sich mit dem Gesundheitsamt kurzzuschließen.

Monika Fickels Lösungsangebot, das den Kindern genutzt und niemandem geschadet hätte, stand wohl nicht zur Disposition. Die kafkaesk anmutende Begründung, warum man sich zum konkreten Fall nicht äußern wolle, bestätigt Fickels Worte: „Wegen der überragenden Bedeutung des Schutzes hochsensibler Daten der Betroffenen.“ (Von Stefan Mangold)

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