Von der Kauffrau zur Entspannungspädagogin

Koppel statt Büroalltag

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Die Hanauerin Jasmin Heuer hat in Mühlheim eine Wohlfühlranch aufgebaut. Geht es im Herbst und Winter noch eher ruhig zu, kommen mit steigenden Temperaturen auch wieder zahlreiche Besucher, um sich mit etwa Pferden, Hasen oder zahlreichen Bastelangeboten auszutoben.

Mühlheim - Aus der Kauffrau wurde eine Entspannungspädagogin: Jasmin Heuer hat in der Mühlenstadt eine Wohlfühlranch aufgebaut, die Menschen mit oder ohne Problemen einen neuen Zugang zu sich selbst und anderen ermöglichen soll. Von Christian Wachter 

Hätten sich Pippi Langstrumpf und Peter Lustig zu einem Projekt zusammengefunden, das Resultat könnte ähnlich aussehen wie das Areal am Ende des Hausener Weges. Jasmin Heuer hat sich unweit des Mühlheimer Bahnhofes schon vor acht Jahren ihr eigenes Reich aufgebaut, die Wohlfühlranch. Damit möchte sie Kindern und Erwachsenen zusammen mit ihren Pferden, Hasen, Enten und Hühnern den kreativen Zugang zu sich selbst und anderen erleichtern.

Zu ihren Besuchern zählen Schulklassen und beispielsweise die Organisation Lebensräume, die Menschen mit psychischen Erkrankungen oder psychosozialen Problemen betreut. Auch Kinder mit einer diagnostizierten ADHS schauen vorbei. „Ich sehe das ja ein bisschen anders, für mich gibt es solche Begriffe nicht – normal, das kann jeder“, sagt Heuer, die von denen, die sie kennen, nur Mine genannt wird. Die Betrachtungsweise vieler hieße schließlich noch lange nicht, dass sie auch richtig sei. „Ich hatte schon Eltern hier, die haben angefangen zu weinen, als ich ihnen sagte, dass ihr Kind super ist“, sagt die 39-Jährige.

Heuer ist es wichtig, dass die Besucher auch etwas von sich da lassen, seien es Kakteen aus Plastikflaschen, die von einer Schulklasse gefertigt wurden oder die „Zaungäste“, Zaunpfähle, bei denen jeder einzelne für ein anderes Kind steht. Mit Pferden arbeite sie so gerne, weil sie das wahre Gesicht der Menschen hervorbrächten, sie in gewisser Weise spiegelten. Sie erzählt von einem adoptieren Kind, dass auf ihrer Ranch war und von einem Pferd partout nicht angenommen werden wollte. Das Pferd wurde von seinem vorherigen Besitzer abgegeben, weil seine Fähigkeiten ihm nicht mehr genügten. „Vermutlich hat es die Angst, Ansprüchen nicht gerecht zu werden, auch beim Kind gespürt.“ Ansonsten sind ihre drei Pferdedamen Profis. „Sie sind alle 18 oder älter, stehen mitten im Leben – und es sind keine normalen Pferde“, betont sie mit leuchtenden Augen. Gehe es jemandem schlecht, merkten sie das sofort, auch bei ihr selbst. Zwingen wolle sie die Pferde zu nichts. „Wenn sie wollen, dann kommen sie ganz von selbst.“ Ihre erste Stute erwarb Heuer mit 14 Jahren einfach selbst – vom Ersparten, das ihr ein Autowachdienst für die Nachbarschaft einbrachte. „Wenn du ein Pferd willst, musst du es selbst kaufen“, hatte die Mutter noch gesagt.

Wer entdecken will, was die Wohlfühlranch sonst noch alles zu bieten hat, muss sich von den Tieren abwenden. Da gibt es etwa das große Baumhaus, das ihr eine Bekannte aus Sperrmüll gezimmert hat, einen Barfuß-Parcours, ein Wald- und Wiesenlabor oder ein Gemüsebeet, das in einem Boot angelegt wurde. Und auch die ein oder andere Spende steht auf dem Gelände. Ein Marterpfahl vom Mainzer Staatstheater zum Beispiel oder eine Rakete, die einst ihre Runden in einem Kinderkarussell drehte, von der Hanauer Familie Eiserloh. Und weiter hinten warten in zahlreichen Ställen Hasen auf die Besucher, daneben Enten und Hühner. Heuer erinnert sich noch genau daran, wie die jüngste ihrer drei Töchter immer mit einem inzwischen gestorbenen Hahn in der Schaukel saß.

Und schließlich gibt es da noch den Bauwagen, „mein Archiv“, wie sie schmunzelnd mit einem Blick auf diverse Bastelutensilien meint. Als sie ihn von einem Autohändler für kleines Geld kaufte, stand er noch voll mit Reifen und Motoren und war durchgerostet. Heute sind die Wände komplett neu verkleidet und wer hinaus schaut, blickt durch Bistrofenster.

Dass sie das Büro aus ihrem früheren Leben gegen die Koppel und den Bauwagen eintauschte, hat sie bis heute nicht bereut. Denn eigentlich ist die heutige Entspannungspädagogin ja eine gelernte Kauffrau, die schon in der Banken- und Baubranche gearbeitet hat. Das Gefühl, immer mit anderen mitrennen zu müssen, sei aber nie ihre Sache gewesen. Fast logisch, dass sich die erste Anekdote, die sie aus dieser Zeit erzählt, um das Geschenk einer ehemaligen Kollegin dreht. Sie hatte eine Collage angefertigt, von unzähligen Menschen, die in China in eine U-Bahn strömen, und einem Bild von Heuer, das aus der Masse heraussticht. Langstrumpf und Lustig, sagt Heuer, seien tatsächlich prägende Figuren in ihrem Leben gewesen.

Heuer möchte ihr Konzept künftig auch zu den Leuten bringen, etwa mit Fotos, Hasen und ihrer Labrador-Hündin im Gepäck Altenheime besuchen. Außerdem hat sie ein Buch geschrieben, eine Autobiografie mit dem Titel „Die Weichheit des Hühnchens ist unendlich“. Am Montag, 25. Dezember, stellt sie es um 19 Uhr im alten Fischerhaus in Hanau (Mittelstraße 2) vor.

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