Die Krönung waren die WM-Titel

Die Vierer-Mannschaft von 1916: Jean Goß, Jakob Eitel, Josef Härtlein, Heinrich Seelmann und Steuermann Ludwig Eitel.

Mühlheim - Er ist so um die 1,90 Meter groß, von drahtiger, schlaksiger Gestalt und ein durchtrainierter Athlet. Das ist nicht etwa die Beschreibung des Traummannes heiratswilliger Europäerinnen. Es sei der ideale Körper für einen Zweier, Vierer oder Achter. Von Michael Prochnow

Diese Bootsklassen sind auch beim Mühlheimer Ruderverein (MRV) die gängigsten, erklärt Michael Krah beim Gang durch die tiefen Garagen mit den schlanken Flitzern in den Regalen. Leichte Schalen aus Karbon sind dort über traditionell geschichteten Planken gelagert, wie die Sportgeräte wohl schon bei der Gründung der Gemeinschaft vor 100 Jahren gebaut wurden.

Die Gründungsversammlung war im „Frankfurter Hof“ in der Pfarrgasse 29, erinnert die Chronik, die anlässlich des Jubiläums in Kürze erscheint. Die Gaststätte existiert längst nicht mehr. Die ersten Boote wurden in einer anderen Kneipe, nämlich beim „Reif“ in der Mainstraße untergebracht. Auch dieses Haus steht nicht mehr. Die Boote mussten 600 Meter bis ans Mainufer getragen werden, wo sie an der Rodaumündung eingesetzt wurden.

Allein der Transport forderte schon eine sportliche Leistung. Denn damals ruderte man noch mit Klinkerbooten, sagt Krah. Bei dieser Bauweise wurden ähnlich wie bei den Wikingerschiffen übereinanderlappende Planken verbaut. Heute besteht ein Glasfieber- oder Karbon-Gerät aus einem Skelett und einer Furnierhaut. Bei der Karbon-Version wird eine so genannte Sandwich-Bauweise benutzt. Die Spezialmasse wird in eine Negativform gepresst, eine Wabenkonstruktion darauf gelegt und lackiert und mit weiteren Matten aus Kunststoff versiegelt. Die gesamte Haut ist nur fünf Millimeter dick.

Handwerker und Kaufleute hoben den MRV aus der Taufe

Mussten die Aktiven einst 20 Kilogramm stemmen, um den Einer auf dem Trockenen zu bewegen, wiegt das 8,30 Meter lange Gefährt jetzt nur noch 14 Kilo. Ein Achter misst bis zu 17,60 Meter und wiegt auch in moderner Ausstattung knapp 100 Kilogramm. Gewichtig auch sein Preis: Rund 50.000 Euro müssen für so ein High-Tech-Gerät hingeblättert werden.

Auch die Form der Ruderblätter verändere sich ständig, zieht Krah ein paar der langen Instrumente aus den Halterungen, die bis ins Kellergeschoss des Vereinshauses reichen. Anfangs waren die Blätter lang und schmal, im Laufe der Zeit wurden sie kürzer und breiter.

Rudern begann als akademischer Sport. Die ältesten Vereine gingen aus Universitätsgruppen hervor, lehrt der langjährige Vorsitzende Stefan Mieth. Nicht so in Mühlheim: Dort waren es Handwerker und Kaufleute, die den MRV aus der Taufe hoben. 1924 erwarben sie eine alte Scheune am Main, die Mitglieder zum Bootshaus umbauten. Es wurde vier Jahre später um die Gaststätte erweitert, zuletzt 2002 saniert.

Auf das Flachdach beheimatete der MRV eine bald weit über die Grenzen der Mühlenstadt hinaus bekannte Disco. In den 60er und 70er Jahren nahmen dort zahlreiche Karnevalsfeiern ihren Ausgang, so auch die Zeltfastnacht auf dem Festplatz an der Goetheschule. Bis heute sind die Ruderer bei Fastnachtszügen dabei.

Zur Hälfte junge Frauen in den Booten

Pflügten zunächst ausschließlich Männer in Vierern und Achtern durch die Mainfluten, sitzen heute fast zur Hälfte junge Frauen in den Booten. Mit Einern und Zweiern werden 500- bis 2000 Meter-Strecken zurückgelegt. Individuelle Langstrecken, fährt Sport-Vorstand Krah fort, sind je nach Veranstalter oftmals 20 Kilometer lang.

2009 wurde der damals 18-jährige Adrian Heil Junioren-Weltmeister mit dem deutschen Vierer mit Steuermann. Bereits 1973 gewann der Junioren-Achter mit Frank Käkenmeister, Andreas Müller und Christoph Habert aus den Reihen des MRV den WM-Titel, ein Jahr später mit Michael Häußer und Thomas Häusler. Damals gab es eine Gemeinschaft aus vier Vereinen, den „Regattaverein Mittelmain“.

Breit gefächertes Angebot lockt Familien an

Etwa 200 Mitglieder zählt der MRV heute, davon nimmt die Hälfte an Training und Wettkämpfen teil. Dank des breit gefächerten Sportangebots gewann der Verein zuletzt viele Familien. 55 Boote lagern in den Hallen, 16 Spinning-Räder, acht Ruder-Ergometer und ein Kraftraum laden ein, die Fitness zu steigern; Übungsleiter helfen beim Training. Dabei beschränken sich Trainer und Geräte nicht stur auf Ruderbewegungen. „Unser Sport beansprucht fast alle Muskelgruppen“, wirbt Krah. Viel Kraft forderte auch der Naturschutz von den Ruderern: Hallen und Unterstände auf einer eigens angekauften Wiese mussten zugunsten der Tier- und Pflanzenwelt aus dem Landschaftsbild verschwinden, informiert Pressewartin Petra Schad.

Eine Strafe muss der Verein aktuell ans Wasser- und Schifffahrtsamt zahlen, weil er seinen Anlegesteg während des Hochwassers nicht räumen konnte. Dafür fehlten Geräte und Lager. „Manche Gesetze sind nicht nachvollziehbar“, seufzt Krah.

Auch beim Abholen eines neuen Bootes ecken die Helfer regelmäßig an: Fast sämtliche Achter blieben auf dem Landweg an Laternen hängen, erreichten aber doch heil die Ruderer-Heimat an der Mainfähre.

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