Annabelle auf dem Teller

Kult um die Knolle

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Gut für Annabelle: Nico Perulli, Anatoli Neigum und der zweite Brückfeld-Vorsitzende Frank Lommatzsch.

Mühlheim - Kartoffeln kochen kann ja eigentlich jeder. Aber nur bei den Brückfeld-Gärtnern schafft es eine kleine runde Dame namens Annabelle auf den Teller. Zu verdanken ist das einer Tradition mit Waschbottichen, an deren Anfänge sich schon keiner mehr erinnern kann.

Mühlheimer mit grünem Daumen verteilen sich auf fünf Kleingartenvereine. Jede ihrer Anlagen hegt ein Sommerfest mit eigenem Charakter. Die Pächter im Brückfeld etwa feiern länger und mit einer Tradition, die gerade montags unzählige Gäste lockt: Denn dann garen Kartoffeln in Waschbottichen mit Ofenrohren.
Die Tradition war einfach immer schon da. Zumindest in den Augen der meisten Hobbygärtner: Als sie ihre Parzelle an der Ulmenstraße übernahmen, da bildete der Montag des Sommerfests schon einen dampfenden Höhepunkt. Auf „mehr als 30 Jahre“ einigte sich der Vorstand des Brückfeld-Kleingartenvereins, was die Tradition angeht, am Festmontag auf dem Gemeinschaftsgelände Kartoffeln zuzubereiten und mit Hausmacher Wurst zu servieren. Bei den Gästen kommt das mehr als gut an. Sie strömen grundsätzlich, als wäre der Erdapfel vom Aussterben bedroht.

Es muss der langjährige Vorsitzende Eckardt Menge gewesen sein, der das Knollen-Kochen aus seiner Heimat Dessau an die Bieber gebracht hat, vermutet der aktuelle zweite Vorsitzende Frank Lommatzsch. Menge und sein Team hielten beim Sperrmüll Ausschau nach alten Waschbottichen aus Emaille. Vier Exemplare mit den blechernen, gebogenen Ofenrohren konnten sie vor der Abfuhr retten, aufwändig reinigen und auf Hochglanz trimmen.

Drei der steinschweren Vorgänger computergesteuerter Waschautomaten haben sie wieder unter Dampf gesetzt, das Wasser schon am Nachmittag mit brennenden Holzscheiten unterm Kessel zum Brodeln gebracht. Dann haben Nico Perulli und Anatoli Neigum die Annabelle auf die Bottiche verteilt. 300 Kilo der festkochenden Sorte haben sie auf dem Eichwaldhof erworben. Die Ernte der Familie Neubauer in Seligenstadt verspreche hochwertige Knollen, sagt Lommatzsch.

Das Erzeuger-Prinzip gilt auch für die Worscht. Blut- und Leberwurst kommen vom Mühlheimer Altstadtmetzger Schmidt. Wer kein Fleisch isst, der erhält die heißen Knollen mit Quark. So halten es die Gartenfreunde auch im Jahre Zwei nach Menge – und sie fahren gut mit diesem einzigartigen Fest-Element.

Kartoffeln raffiniert und traditionell

Überhaupt feiert kaum noch ein Verein auch am ersten Werktag. Doch der Zuspruch nach dem Regen am Nachmittag beweist, was beim Publikum ankommt: Tradition und das Besondere.

Das erlebten Gastgeber und Besucher auch am Sonntag: In Schwärmen überfielen Wespen die Kuchentheke, sodass die Helfer Torten und Gebäck in Sicherheit bringen mussten. Im Gegenzug registrierte der Verein fast keine Schnaken. Apropos: Hundert Mitglieder waren an Theken, Grills und Kassen im Einsatz. Auch auf diesem Gebiet ist der KGV Spitze. (m)

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