Lämmerspiel - so ganz real

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Der LOV-Vorsitzende Matthias Schmidt zeigt den alten Film über Lämmerspiel aus den 50-er Jahren auf seinem Rechner.

Mühlheim ‐ Turner in weißen Trägerhemden und langen Hosen an einem Barren, der sich auf einer Wiese über hoch geschossenen Gras biegt, Kinder mit kurzen, schwarzen Hosen mit Überschlägen und Rollen auf einer Matte, ein kleiner Junge im Spagat. Von Michael Prochnow

Szenenwechsel. Ein Feuerwehrwagen fährt über die Bischof-Ketteler-Straße, bremst scharf ab, um vor der Kamera schaukelnd zum Stehen zu kommen. Der Fahrer des Opels im Windschatten reagiert nicht schnell genug und knallt auf die Schlauchrolle, Feuerwehrleute kreisen ratlos um den verbeulten Pkw. Ganz großes Kino - zumindest für alle, die mit Leib und Seele Lämmerspieler sind.

LOV-Spitze hat sich zu Neuauflage entschlossen

Gut und gerne 50 Jahre hat das tonlose Zeugnis in Schwarz-Weiß auf dem Buckel. Der Vorstand der Lämmerspieler Ortsvereine (LOV) hütet den Schatz wie Kronjuwelen: Nur zu ganz besonderen Anlässen wird der alte Film über die einst selbstständige Gemeinde hervorgeholt. Zum Beispiel 2008, als das alte Rathaus, die vormalige Schule, zum Verkauf freigegeben wurde. Da traf man sich in den Räumen. Die älteren Zuschauer verfielen in Verzückung, deuteten aufgeregt auf die Jungs, die den Wasserspender im Schulhof aufdrehten und über den Düsen tanzten. „Das bin ich“, hörte man aus den Zuschauerreihen.

Hier spielen sich Szenen für den neuen Film ab: im Pfarrheim von St. Lucia unweit der Kirche.

Bisher widerstanden der LOV-Vorsitzende Matthias Schmidt und die Hüter von Kopien allen Verlockungen, mal eben eine DVD von dem Stück Heimatgeschichte zu brennen und zu verkaufen. Nun allerdings wagt man den ganz großen Wurf: Die LOV-Spitze hat sich entschlossen, eine komplette Neuauflage zu produzieren. In diesem Jahr sollen Vereine, Betriebe, Läden, die Schule, der Fastnachtszug und eine historische Parade aus Anlass des im August anstehenden 125-jährigen Jubiläums der Turn- und Sportvereinigung cineastisch eingefangen werden.

Für den alten Film hat man Ende der 50-er Jahre den Gaudiwurm für die Kamera mitten im Sommer nachgestellt - mit Fußgruppen und Motivwagen. So viel Aufwand betreibt Kamerafrau Karin Schlender vom Carneval-Verein indes dieses Jahr nicht.

Sie „kennt jeden“, begründet Schmidt die Wahl auf sie als Kamerafrau, „sie hat ein digitales Gerät, Zeit und Lust und ist überall dabei, auf jedem Festchen“. Zehn davon hat sie bereits im Kasten.

Team schneidet und vertont die Impressionen

Dabei greift Karin Schlender den Charakter des Vorgängerwerks auf, beobachtet das Geschehen still und vermeidet möglichst gestellte Szenen. Damals, in den 50-ern, hielten sie die Linse auf gesellige Runden an karierten Tischtüchern. Bikini-Damen tummelten sich im winzigen Schwimmbecken an der Rodau. In der späteren Post befand sich „der erste Drogenladen“, denn über dem Drogerie- und Lebensmittelgeschäft prangte der Schriftzug „Drogen“. Zurück auf der Straße begegnete man putzenden und kehrenden Seniorinnen, flotten Herren auf dicken Mopeds und einem blonden Mädchen mit Schlappen, von denen sich die Sohlen lösten. Regelmäßig tauchten Bürgermeister Beheim sowie die Lehrer Mantel und Behl auf der Leinwand auf. Fast eine Stunde läuft die Geschichtsstunde über das Lämmerspieler Dorfleben, die der damalige Pfarrer Bickerle initiiert haben soll.

Es ist mal wieder an der Zeit, ein aktuelles Dokument zu erstellen“, beschreibt LOV-Chef Schmidt die Intention für das neue Werk. Wenn Kamerafrau Schlender fertig ist, schneidet und vertont ein Team die Impressionen. Im Sommer 2011 wird das Werk zur Uraufführung gelangen, möglicherweise auf dem Pfarrfest.

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