Weinfestchen auf dem Gailenberg

„Eine gute Spätlese“: Lämmerspieler Winzer präsentieren ihr Hobby

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Horst Baier blickt durch ein Refaktometer, mit dem er den Oechsle-Grad der Weintrauben bestimmen kann, Karl-Heinz Stier und Walter Schäfer (rechts) schauen zu.

Mühlheim J Alljährlich im ausklingenden Sommer lenkt die Interessengemeinschaft (IG) Lämmerspieler Weinbauern den Blick auf ihr Hobby, lädt Interessierte an ihren Wingert auf dem Gailenberg ein. Die guten Tropfen beim Weinfestchen stammen allerdings nicht vom heimischen Boden. Von Michael Prochnow 

Fast 85 Oechsle. Karl-Heinz Stier kann es kaum fassen, dreht seinen Refaktometer mehrmals nach links und nach rechts, hält ihn gegen die Sonne und mit ihrem Strahl. Das Ergebnis ändert sich auch nicht, als er den Saft der Traube einer anderen Rebe auf das schräge Glas streicht: 83 Oechsle, sagt die „Messeinrichtung zur Bestimmung des Brechungsindex von transparenten Stoffen“, wie das mit mehreren Linsen ausgestattete Röhrchen bestätigt. „Das gibt eine gute Spätlese“, freut sich der Mitgründer der IG Lämmerspieler Weinbauern. „Die Trauben hängen ja noch drei Wochen, dann werden sie über 90 Oechsle bringen.“ Dazu tragen die Rebzweige ähnlich wie die Apfelbäume in der Nachbarschaft so viele Früchte wie selten zuvor, sodass die Aktiven mit 200 Litern Ertrag rechnen. Allein im hinteren Teil der Fläche, wo der dicht bewachsene Zweig eines Obstbaums Schatten über die prallen, grünen Früchte wirft, misst Stier nur einen Wert um die 50.

Viele der knapp 20 Aktiven der IG wehrten sich gegen die gefährliche und andauernde Hitze der vergangenen Wochen und wässerten die Pflanzen. Die Lämmerspieler Wehr stellte der gemeinnützigen Organisation einen Container mit dem frischen Nass zur Verfügung. Dazu schnitten die Freizeit-Weinbauern Blätter von den Stöcken, damit möglichst alle Früchte die maximale Ration Sonne abbekommen.

Exakt 99 Einheiten haben sie vor rund 20 Jahren gesetzt. Damit sind die Lämmerspieler von den Zwängen des kommerziellen Weinanbaus befreit, nicht aber von der fast täglichen Hege. „Ohne Dünger und Schutz gegen Schädlinge geht nichts“, erläutert Stier den Besuchern. Auch nicht ohne Zaun – den hätte die Untere Naturschutzbehörde in dem Schutzgebiet lieber abgebaut gesehen. „Aber dann würde uns das Wild die Ernte wegfressen“, lehrt der Sprecher.

Weinfest in Egelsbach: Bilder

So hat sich der Weißburgunder prächtig entwickelt, obwohl die Wurzeln nicht wie sonst bei dieser Art bis zu 14 Meter tief in die Erde eindringen können. In etwa einem Meter Tiefe beginnt unter dem in der Eiszeit vom Main herauf gewehten Sand und Humus die Basaltschicht. „Die hält das Wasser für eine Weile“, erklärt Horst Baier vom Geschichtsverein die Eigenart Mühlheims höchster Erhebung. „Im Mittelalter gedieh auch in Hausen und Dietesheim Wein“, erzählt Stier, „und selbst die Kinder haben ihn getrunken, weil das Wasser zu schmutzig war“. Die Reblaus und eine „kleine Eiszeit“ beendeten den Anbau, der Bischof von Mainz ordnete das Pflanzen von Obstbäumen an – die Geburtsstunde des Äpplers. Beim Weinfestchen gab’s Weißweine zu Ingeborg Fischers Weinknörzcher.

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