Beistand am Ende des Lebens

„Letzte-Hilfe-Kurs“ der Hospizgemeinschaft im Mühlheimer Buchladen

Der Fachkrankenpfleger Boris Knopf erzählt von seiner Erfahrung mit Sterbenden.
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Der Fachkrankenpfleger Boris Knopf erzählt von seiner Erfahrung mit Sterbenden.

Jeder weiß um die Endlichkeit des Lebens. Trotzdem beschäftigen sich die wenigsten mit dem Sterben. Die Mühlheimer Hospizgemeinschaft hatte in den Mühlheimer Buchladen zu einem Letzte-Hilfe-Kurs eingeladen. Der Vorsitzende der Gemeinschaft, Dr. Frank Wempe, sowie Boris Knopf wechselten sich während der vierstündigen Veranstaltung mit dem Vortragen ab.

Mühlheim - Die erste Stunde füllt Knopf. Der Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivpflege leitet beim Palliativ Team Frankfurt gGmbH den Bereich Patientenversorgung und Weiterbildung. Der Frankfurter erwähnt, der mittlerweile von Stephan Gräbener geführte Buchladen sei ein Stück seiner Kindheit, „ich bin in Mühlheim aufgewachsen“. Man habe für den Kurs, der auf den Welthospiztag fällt, extra keinen trüben Platz ausgesucht, sondern einen Ort, „an dem viel Leben stattfindet“. Knopf erzählt von einem Ur-Erlebnis von Henry Dunant. Der Gründer des Roten Kreuzes kam als Schweizer Geschäftsmann während einer Reise 1859 unweit des Gardasees bei der Schlacht von Solferino vorbei, wo Truppen des Kaiserreichs Österreich und des Königreichs Sardinien gegeneinander kämpften. Gut 40 000 Soldaten kamen um. Später schrieb Dunant, wie ihn ein Schwerverletzter, dem er die Hand hielt, anflehte, ihn, im Sterben liegend, nicht alleine zu lassen. Ein Grundgedanke der Hospizbewegung.

Knopf berichtet, die meisten antworteten auf die Frage, welchen Ort zum Sterben sie sich aussuchten, wenn sie wählen könnten, „bei mir zu Hause“. Doch nur eine Minderheit schaffe das. Das liege zum Teil auch an überforderten Angehörigen, „die nicht wissen, was sie machen sollen“. Stattdessen springen häufig Krankenhäuser ein, wenn eigentlich klar ist, es geht dem Ende entgegen.

Unter den Zuhörerinnen sitzt Gabi Schreiber, die wie andere von ihrer eigenen Erfahrung erzählt. Den Gedanken, die schwerkranke Schwiegermutter könne sterben, „den habe ich anfangs verdrängt“. Ihre letzten Tage habe die Frau im Hospiz Louise de Marillac in Hanau verbracht. Schreiber erzählt, wie es sie überraschte und beeindruckte, „mit welcher Wärme sich die Leute dort um sie kümmerten“. Die Schwiegermutter habe sie gefragt, „ist das mein letztes Zuhause?“ Auf das „Ja“ der Schwiegertochter antwortete die Sterbende, „das ist aber schön“. Sabine Picard erzählt ebenfalls von positiven Erfahrungen im Hanauer Hospiz. Sie engagiert sich jetzt selbst in der Hospizbewegung, „ich fühle mich in der Gemeinschaft sehr wohl“.

Man kann sich vorstellen, wie es der 86-Jährigen ging, die berichtet, „ich habe meinen Mann vor dreißig Jahren zu Hause lange gepflegt“. Irgendeine Form von Beratung habe sie nicht bekommen, „ich stand alleine da“. Ein eigenes Leben habe nicht mehr stattgefunden. Ähnliches berichtet auch eine andere Frau, die sich mit ihrer Familie um den Vater kümmerte, „als er starb, waren wir am Ende unserer Kräfte“.

Boris Knopf fragt in die Runde, „was denken Sie, wann der Mensch beginnt zu sterben?“ – „Am Tag der Geburt“, lautet eine Antwort. Knopf bemerkt, ein Biologe antworte wieder ganz anders als ein Pfarrer, „letztlich bleibt die Frage offen“. Dass es final so weit ist, lasse sich „an der veränderten Atem- und Kreislauftätigkeit erkennen, die Haut wird bleich, beim Atmen rasselt es“.

Für Sterbende und Angehörige sei es nicht selten ein Problem, wenn sie die Rollen auf einmal vertauschen. Wenn etwa das Elternteil, das es im Lebensalltag gewohnt war, alles im Griff zu haben, die eigene Lebensführung in die Hände der Kinder legen muss. Knopf erlebte mal einen Mann, der sein eigenes Ende mit dem Ende der Welt verband, „wenn ich jetzt sterbe, wird es morgen nicht mehr hell“. (Von Stefan Mangold)

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