Es war ein Abschied für immer

Lothar Isaak, Sohn des letzten Mühlheimer Rabbiners, erinnert sich an den November 1938

Lothar Isaak und seine Frau Dana wohnen heute in München in der Nähe ihrer Tochter. Auch sein jüngerer Bruder Joseph lebt noch.
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Lothar Isaak und seine Frau Dana wohnen heute in München in der Nähe ihrer Tochter. Auch sein jüngerer Bruder Joseph lebt noch.

„Geh’ nach Hause!“ Diese Aufforderungen hören Lothar Isaak und seine Brüder im Jahr 1938 immer öfter. Am 10. November bleibt der Neunjährige auf dem Nachhauseweg von der Goetheschule erschrocken vor der Polizeiwache stehen. Dort liegen Wertsachen aus der Synagoge ausgebreitet, die sein Vater Leopold leitet. Lothar rennt die 100 Meter zu dem kleinen Gotteshaus die Spinatgasse hinauf. Dort, an der heutigen Friedrichstraße, steht die Feuerwehr mit ausgerollten Schläuchen bereit.

Mühlheim – Lothar Isaak hat kürzlich seinen 91. Geburtstag gefeiert. Zum heutigen Gedenken an die Novemberpogrome des Nazi-Regimes kramt er in seiner Erinnerung. „Die Wehr wartet, bis die Synagoge angezündet ist, und passt auf, dass die Flammen nicht auf Nachbarhäuser übergreifen. Sobald die Brandstifter abgezogen sind, löschen die Feuerwehrleute den Schwelbrand sofort, daher ist der Schaden nicht so groß.“ Der Junge geht in das kleine Gebäude, die Fensterscheiben sind schwarz. Er findet die Jad, die silberne Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger, mit der die Thora gelesen wird.

Liebmann, der älteste Isaak, sammelt angekokelte Bücher ein, die er später nach Argentinien mitnimmt. Vater Leopold Isaak hat von Glaubensbrüdern aus Offenbach und Frankfurt gehört, dass in der vergangenen Nacht jüdische Versammlungsorte angezündet worden sind. Rechtzeitig hat er die Thora-Rollen aus seiner Synagoge in einen Kinderwagen gepackt und zu Hause versteckt.

Die Familie wohnt in der Trachstraße 24. Zu ihr gehören neben den Eltern Leopold und Melita die Söhne Liebmann, Jahrgang 1924, Arnold (‘26), Herbert (‘28), Lothar (‘29) und Joseph (‘34). Der Vater ist gelernter Buchhalter, hat sich 1924 als Kaufmann selbstständig gemacht und führt einen Laden im Haus, verkauft Lebensmittel und Haushaltswaren. Daneben schächtet er koscher, selbst als es schon verboten ist, wird immer wieder inhaftiert. Die Synagoge leitet er ab dem 18. Februar 1934 als letzter Rabbiner.

Im Sommer 1938 setzt Mutter Melita Arnold zu 10 000 anderen jüdischen Kindern auf eine Warteliste. Von jeder Familie darf nur ein Sprössling Anfang September in die USA ausreisen. Arnold gelangt so mit zwölf Jahren nach Chicago und dient später in der amerikanischen Armee. Ab dem 15. November ist es allen Schülern jüdischen Glaubens verboten, die Goetheschule zu besuchen, die Isaak-Buben fahren nun mit dem Zug zur jüdischen Schule nach Offenbach.

Ein Jahr später, im Dezember 1939, reist die Familie Isaak nach Genua, setzt mit dem Schiff Conte Grande nach Buenos Aires über. Das hat der Bruder der Mutter arrangiert, der schon 1933 nach Argentinien ausgewandert ist. Beim Ablegen des Dampfers verabschiedet Melita ihren Mann noch hoffnungsfroh, „wir werden uns bald wieder sehen“. Für den zehnjährigen Lothar ist klar, dass es ein Abschied für immer sein wird.

Der Vater fährt nach Hause, wird später aus dem vierten Stock einer Klinik in Frankfurt geworfen, überlebt. Er wird mit fünf weiteren Juden ins KZ Buchenwald gebracht, aber wieder zurückgeschickt. Am Vormittag des 17. September 1942 müssen sich 18 Juden im Mühlheimer Rathaus melden, darunter Leopold und seine Schwester Berta Lehmann. Jeder trägt einen Koffer, ein Schild mit Namen, Geburtsdatum und Kennnummer. Es geht zum Sammelplatz nach Offenbach, zwei Wochen bleiben sie in einem Lager in Darmstadt, werden dann nach Bergen-Belsen transportiert. Dort kommt Leopold Isaak im Alter von 59 Jahren ums Leben.

Seine Ehefrau und die Kinder überleben in Buenos Aires auf verschiedene Verwandte verteilt. Lothar heiratet 1954 Dana, eröffnet 1960 eine der ersten Recyclingfirmen der Welt, um Polyethylen wieder brauchbar zu machen. Nach 62 Jahren kehrt er 2002 zurück nach Europa, wohnt in der Nähe seiner Tochter in München. Außer ihm lebt von der Familie jetzt nur noch Joseph. Bis heute kann sich Lothar „nicht vorstellen, dass es Menschen gibt wie diese Deutschen und was sie uns angetan haben“. (Von Michael Prochnow)

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