Sie hat sich gut gehalten

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Die Vier von der Anlegestelle bringen derzeit die Fähre auf Vordermann: Jürgen und Peter Spiegel, Sebastian Krunka und Ralf Fink (von rechts).

Mühlheim - So blau erscheint selbst der Main nur auf Landkarten. „Himmelblau“, konkretisiert Peter Spiegel die Farbe seines Arbeitsplatzes, den er sich mit drei Mitarbeitern und bis zu acht Autos teilt. Oder mit 145 Fußgängern. Von Michael Prochnow

Seit 23 Jahren pendelt der Maintaler mit Wurzeln in Dietesheim zwischen dem Mühlheimer Bootshaus und der Anlegestelle Dörnigheim. 2001 hat der gelernte Wasserbauer dann die Fähre übernommen. In diesen Tagen liegt sie auf dem Trockenen, und Spiegel nimmt mit Kollegen eine Schönheitsoperation bei offener Klappe vor.

Die Rampen sind die anfälligsten Teile seiner eisernen Partnerin. Klar, bevor diese das Ufer erreicht, schrammen sie über die asphaltierten Zufahrten, dann rollen bis zu zwölf Tonnen schwere Laster über die beweglichen Teile. Vor fünf Jahren ließ er neue Klappen anfertigen, 30.000 Euro hat Spiegel für die tonnenschweren Elemente berappt. Die Revision, die alle fünf Jahre fällig ist, musste er bislang ebenfalls allein tragen. Jetzt zahlt ihm der Kreis Offenbach als Eigentümer des Gefährts erstmals die Hälfte der rund 15.000 Euro teuren Überprüfungen und Reparaturen. Allein der mächtige Autokran, der den Kahn auf die Holzstapel am Maintaler Ufer setzte und ihn am kommenden Freitag wieder zu Wasser lassen wird, koste etwa 6 000 Euro, erklärt der Fährmann. Den nördlichen Flussstrand wählten die Männer, weil sie hier mehr Platz zum Arbeiten haben und vor allem einen Stromanschluss.

Der ist für die Schweißarbeiten an den strapazierten Auf- und Abfahrtsrampen nötig. Sie reißen durch die Belastungen regelmäßig. Neben dem Chef, der „jede Schraube kennt“, führen die vier Fährleute die Unterhaltungsarbeiten aus, darunter Spiegels Sohn Jürgen, der eine Binnenschiffer-Ausbildung und den Fähr-Führerschein hat. Auch ein Nachbar packt mit an.

Die Zentrale Schiffs-Untersuchungskommission, sozusagen der TÜV für Wasserfahrzeuge, hat die Fähre wie auch die Hochseilanlage, die das Gerät absichert, Anfang der Woche auf Herz und Nieren überprüft. Bis auf Kleinigkeiten hatten die Ingenieure nichts auszusetzen. Und diese Bagatellen bringe das Team gerade in Ordnung, versichert der Chef. Die „alte Dame“, Baujahr 1963, habe sich prima gehalten, schwärmt der 55-Jährige. Und glaubt, dass die Fähre noch länger fahren wird als er. Sie misst 25 Meter in der Länge (mit herabgelassenen Rampen), ist 5,15 Meter breit und bringt 35 Tonnen auf die Waage. Das Herzstück ist eine Mercedes-Industriemaschine, die 46 Kilowatt leistet, so der Kapitän.

Pausieren muss die Mannschaft nur bei drei Ereignissen: Hochwasser, Eisschollen und Sturm. Der hohe Wasserstand ließ Anfang des Jahres ganze drei Wochen Spiegels Einnahmequelle versiegen. „Trotzdem habe ich keinen meiner Leute zum Arbeitsamt geschickt“, betont der Unternehmer stolz. Die im Fluss treibenden, gefrorenen Brocken tauchen zum Glück nur ganz selten auf, wie auch ein Orkan wie Kyrill. Der stoppte am 18. Januar 2007 nicht nur Flugzeuge und Autos, sondern auch die Fähre.

Steuermann Spiegel, Sohn eines Dietesheimers und einer Mühlheimerin, hat schon als Bub bei der Überfahrt geholfen, erzählt er. Bei der Außenstelle des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Hanau absolvierte er eine Lehre als Wasserbauer. 1988 heuerte er dann bei seinem Vorgänger auf dem öffentlichen Nahverkehrsmittel an, um es nun als Pächter des Kreises Offenbach selbst zu führen.

Die Fähre stammt vom Obermain, erinnert Spiegel sich vage. 1971 kam sie nach Mühlheim, als im Fränkischen eine Brücke den Fährbetrieb überflüssig machte. Damit sei ja in Mühlheim nicht zu rechnen.

Inzwischen ist der letzte Pinselstrich zwischen den Fenstern an der Kommandobrücke gesetzt, der Kollege mit dem Schweißgerät sorgt unter der Rampe noch für ein Feuerwerk und Fährmann Ralf versucht, eine Halterung auszuwechseln. Dazu muss er eine Schraube öffnen, an der er schon einen Schlüssel abgebrochen hat, grinst sein Chef. Trotzdem wird die Fähre am Freitag wieder im Main vor Anker gehen, und ab Montag, 8. August, 5.30 Uhr, die Mühlenstadt ansteuern.

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