„Meine Zeit ist nicht mehr fremdbestimmt“

Ex-Bürgermeister Karl-Christian Schelzke stellt sich nach dem HSGB-Abschied neuen Aufgaben

Neue Aufgaben: Karl-Christian Schelzke ist noch weit vom Ruhestand entfernt.
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Neue Aufgaben: Karl-Christian Schelzke ist noch weit vom Ruhestand entfernt.

Wer gedacht hätte, Karl-Christian Schelzke setzt sich nach seinem Abschied vom Hessischen Städte- und Gemeindebund zur Ruhe, lag falsch. Und irgendwie ist es auch schwer vorstellbar, dass Mühlheims Ex-Bürgermeister sich nur noch damit begnügt, Boot zu fahren, zu sammeln oder an seinem Golf-Handicap zu arbeiten. Das bleiben weiterhin seine Hobbys. Beruflich hat er noch einiges vor.

Mühlheim – Etwa ein Dreivierteljahr ist es nun schon her, dass Schelzke seine Tätigkeit als Geschäftsführender Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes (HSGB) nach 21 Jahren niedergelegt hat. Doch ganz weg ist er aus dem HSGB-Hauptquartier an der Henri-Dunant-Straße nicht, zumindest vorerst nicht. Das Büro ist zwar eine Nummer kleiner und nun im Erdgeschoss, aber er habe „nicht weniger zu tun als vorher“, sagt der 70-Jährige, der nun unter anderem Geschäftsführer des „Verbandes der kommunalen Wahlbeamten in Hessen“ (VKWH) ist. Ein Verband, der sich um die Belange von Bürgermeistern, Stadt- und Landräten kümmert. Der VKWH sei seit Anfang der 1950er Jahre „sehr eng mit dem HSGB verbunden“, sagt Schelzke. Der VKWH sei eine unabhängige, selbstständige Organisation, arbeite aber eng mit dem HSGB zusammen. Das erklärt die Nähe zu seinem alten Arbeitgeber. Für den neuen ist er übrigens ehrenamtlich tätig. Er möchte seine über Jahre erworbenen Erfahrungen soweitergeben.

Aktuell gehören der Interessensvertretung mehr als 380 aktive und ehemalige Wahlbeamte sowie Kassenverwalter an. Schelzke nimmt für sich in Anspruch, den Verband ein bisschen „wachgeküsst“ zu haben. „Im letzten Jahr haben wir zehn Prozent Mitglieder hinzugewonnen“, berichtet er. Das sei auch sicher das Resultat von „intensiver Werbung“. Dafür hat er sich auch einen alten Bekannten mit ins Boot genommen. Die von ihm textlich gestaltete Broschüre hat der Mühlheimer Künstler Klaus Puth mit Zeichnungen illustriert.

Im VKHW kann Schelzke viel aus seinem Erfahrungsschatz einbringen – zum einen als ehemaliger Bürgermeister und zum anderen sein juristisches Know-how als Oberstaatsanwalt. Nicht wenige Wahlbeamte sehen sich Hassmails, öffentlichen Diffamierungen und Bedrohungen ausgesetzt, da sei es höchste Zeit, mit Nachdruck gegenzulenken und die Öffentlichkeit für die Bedeutung der Wahlbeamten für die Demokratie zu sensibilisieren, betont Schelzke, der auch weiter als Strafverteidiger tätig ist und aktuell fünf Bürgermeister aus Hessen „in problematischen Fällen“ vertritt. Die Stadt könne sich selbst nicht strafbar machen, „nur der, der sie vertritt“.

Schelzke: Lokale Politik ist „die Basis unseres demokratischen Staates“

Seit neustem ist Schelzke ebenso Vorsitzender der Hessischen Akademie der Forschung und Planung im ländlichen Raum, kurz: HAL. Als ihm die Nachfolge von Professor Dr. Siegfried Bauer angeboten wurde, habe er länger überlegen müssen. „Da geht es darum, eine wichtige Organisation mehr öffentlich zu machen“, sagt er. Schließlich übte die Mehrzahl der Bürgermeister ihr Amt im ländlichen Raum aus. Aktuell laute die Fragestellung, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie für den ländlichen Raum habe. Mehr Menschen würden etwa aufs Land ziehen, weil Homeoffice nun gängiger sei, da müsse in die Infrastruktur im ländlichen investiert werden, sagt er.

Auch wenn er viel zu tun habe, sei der Druck weg, „meine Zeit ist nicht mehr fremdbestimmt“. Jedoch raubt die Pandemie auch Schelzke gerade seiner Stärke: Der persönliche, direkte Kontakt fehle. Daher sei er auch keinesfalls glücklich, dass die Kommunalwahlen in Hessen trotz Pandemie nicht verschoben wurden. „Kommunal geht es ums persönliche Kennenlernen und den direkten Austausch“, sagt er. Dabei sei die lokale Politik „die Basis unseres demokratischen Staates“, die Demokratie beginnt in der Nachbarschaft“, betont Schelzke.

Mittelfristig wird man den Ex-Bürgermeister wohl nur noch in der Anwaltskanzlei in der Dietesheimer Straße antreffen. Dort wird er aber auch seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten sicher weiter nachgehen. (Von Ronny Paul)

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