„Menschen sollen sich wohlfühlen“

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Im ehemaligen Mühlheimer Gartencenter am Hausener Weg soll ein Kunst-Kultur-Zentrum entstehen.

Mühlheim - „Sind Engel Geflügel?“ - Diese Frage wird auch an der Nahtstelle zwischen Verkehrsader und Pferdekoppel, Wohnung und Wiese nicht geklärt. Von Michael Prochnow

Aber allein die Tatsache, dass diese Überlegung in hübschen Lettern an die Wand gemalt ist, verrät, dass die Kunst zu Hause ist, wo einst Primeln und Stiefmütterchen gediehen. Jetzt arbeitet ein Dutzend Hobbykünstler in den Räumen am Hausener Weg in Mühlheim, und wenn die Behörden mitspielen, entsteht zu Füßen des sozialen Wohnungsbaus ein außergewöhnliches Kulturzentrum.

„Kinder sind wie Engel, deren Flügel schwinden, während ihre Füße wachsen“, hat ein weiterer Mieter auf farbigen Grund in den einstigen Verkaufsräumen geschrieben. Dort wachsen derzeit vor allem Ideen. Elsa von Blanc bringt die ihren mit viel Farbe auf die Leinwand, Josef Weidner bevorzugt abstrakte, skurrile und surrealistische Ausdrucksformen. Ganz anders arbeitet nebenan Jasmin Heuer.

Die Entspannungspädagogin hat Pferde auf der benachbarten Koppel stehen und organisiert außergewöhnliche Kindergeburtstage mit Naturerfahrung. Nach dem Reiten bastelt oder malt sie mit den kleinen Gästen – eine Collage mit Pippi-Langstrumpf-Klamotten zeugt von einer solchen Party. „Alle haben einen eigenen Stil, die Arbeiten sind sehr vielfältig, und manche ergänzen sich gegenseitig“, sagt Henrik Barthel.

Auch der Vermieter der Räume zeigt sich überrascht, wie viel Kreativität an einem Ort vereint ist. Die aktuell genutzte Fläche misst rund 60 Quadratmeter im oberen und 120 im unteren Teil der Immobilie. Künftig könnten noch eine Halle von 250 Quadratmetern und ein Garten einbezogen werden, plant der Landschaftsarchitekt. Auf dem Freigelände ist an den „Tagen der offenen Tür“ ein Büfett und eine Getränketheke aufgebaut.

Mit der Feier eines Kindergeburtstages habe die Neuentwicklung der einstigen Verkaufsräume vor zwölf Jahren begonnen, blickt Barthel zurück. Freunde hatten das verlassene Gebäude gesehen, Palette und Staffelei mitgebracht. Ihnen folgten weitere Freizeit-Maler und eine Töpferin. „Die erste Generation ist schon weggezogen“, erzählt der Besitzer. Das Konzept des Gemeinschafts-Ateliers ist geblieben.

Monochromatische Bilder und mehr

Barthels Kollege Roland Meyer, der sonst Wohnungen plant, produziert am Hausener Weg monochromatische Bilder, experimentiert mit Farben und Techniken, legt Farbschichten übereinander und schafft so eine Raum-Wirkung. Irene Weppe bevorzugt eine „dynamische Farbgestaltung“, strenge Formen, in die Personen und andere Figuren eingefügt sind. Neben ihr malt die Koreanerin Yumi Kim, die an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung lernt.

Svenja Gerhardt studiert in Frankfurt Kunst und Geschichte. Sie schleudert Farbe mit dem Pinsel auf die Leinwand oder schüttet sie mit Eimern dagegen, lässt aufgehängte Blechbüchsen mit Farbe und Loch übers Papier kreisen.

„Die Menschen sollen sich hier wohlfühlen, ihre Kreativität ausleben“, freut sich der Initiator. „Wir sind alle überfüttert mit fertigen Dingen, die Menschen verarmen“, philosophiert er.

Und Barthel schwärmt von den Talenten, die in seinem Haus mit Akribie und Hingabe arbeiten. Allerdings, „mehr als zwei, allerhöchstens drei Leute sind nie zum selben Zeitpunkt da“, schildert er die unterschiedlichen Gewohnheiten und findet die Kontraste „unheimlich spannend“.

Damit sich jeder Kunstschaffende seinen Bereich leisten könne, koste der Mietzins lediglich eine zweistellige Stumme. Bevor der Gartengestalter jedoch den Standort renoviere und umbaue, müsse er den Bedarf neu ermitteln und eine wirtschaftliche Analyse anfertigen. Das anvisierte Kunst-Kultur-Zentrum, das sich ins soziale Umfeld zwischen Talweg und Lämmerspieler Straße einfügen soll, könne „ein anderes Gefüge, eine andere Energie“ in die Umgebung bringen. Angelica Weith-Johnson tut das mit Stelen, hochkantigen Acrylbildern, die Ausschnitte von Frauenkörpern in Magenta vor einer giftgrünen Wiese andeuten. Die Töpferin Cordelia Thimmel schafft schlanke Skulpturen und erhält demnächst einen Brennofen. Iris Hetschel fertigt Damen-Bekleidung, luftige Jacken und Blusen. Von Kirsten Berlin, die ein Einzel-Atelier am Eingang bezogen hat, stammen die Collagen aus rostigen Kleinteilen.

Von Mühlheims Bürgermeister Daniel Tybussek komme derzeit viel Unterstützung, blickt Henrik Barthel in die Zukunft und hofft, dass auch die anderen beteiligten Behörden grünes Licht für sein Konzept geben.

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