Pilgerstätte der Bohnen-Jünger wurde

Genuss – mit einem „m“

Selten ist aus einem biografischen Bruch Besseres entstanden als Michaela Mellerts „Kaffeehaus m“ am Alten Frankfurter Weg. Die Kundschaft reist teils weite Wege, um ihren Kaffee zu erstehen.
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Selten ist aus einem biografischen Bruch Besseres entstanden als Michaela Mellerts „Kaffeehaus m“ am Alten Frankfurter Weg. Die Kundschaft reist teils weite Wege, um ihren Kaffee zu erstehen.

Mühlheim - So mancher dürfte skeptisch gewesen sein, als vor neun Jahren Michaela Mellert ihr Kaffeehaus in einer Ecke von Mühlheim eröffnete, wo die Laufkundschaft nicht in Scharen vorbei kommt. Außerdem röstet die Frau nur die hochwertigen Rohstoffe, keine Billigvarianten. Von Stefan Mangold 

Kurz: Das Konzept ging auf. Ihre Kaffees sind hoch dekoriert, die Kundschaft kommt von weit her. Manchmal stellt sich ein Unglück im Rückblick als Glück heraus. Sei es, dass einem der Partner den Laufpass gab und die folgende Beziehung viel entspannter verläuft, sei es, dass der Job verloren ging und die neue Arbeit den Tag interessanter gestaltet als die alte.

Das trifft auf Michaela Mellert zu. Die gelernte Versicherungskauffrau stand einst bei der Allianz auf dem Gehaltszettel. Um den Gewinn zu steigern, baute der Konzern Mitte des letzten Jahrzehnts tausende Stellen ab. Auch Mellert musste ihren Schreibtisch räumen. Auf den Weg bekam sie eine Abfindung, üppig genug, sich beruflich neu zu orientieren. „Ich wollte nicht unter veränderter Flagge das Gleiche weiter machen“, erinnert sich die Frau, die im November 2008 am Alter Frankfurter Weg das „Kaffeehaus m“ eröffnete, eine Mischung aus Café und Kaffeeverkauf.

In ähnlichen biografischen Brüchen kommen auch andere auf die Idee, sich auf gastronomischem Terrain zu versuchen – um schließlich einzusehen, dass es als Qualifikation für eine Kneipenführung nicht ausreicht, gerne mal ein Bier zu trinken. Mellert zog zwar schon immer Qualitätskaffee vor, kam aber nicht auf die Idee, sich alleine deshalb irgendwo eine Ladenfläche zu mieten und Öffnungszeiten auszuhängen. Da gehörte viel mehr dazu. Mellert ging 2005 für ein dreiviertel Jahr ans Wiener Kaffee-Institut, um beim Kaffee-Papst Professor Dr. Leopold Edelbauer in die Lehre zu gehen, die sie mit Diplom als Kaffeesommelière abschloss.

Das beinhaltet weit mehr, als bedeutungsschwanger an der Tasse zu nippen und in blumigen Metaphern über den Geschmack zu fabulieren. Michaela Mellert beherrscht ein Handwerk. Die Bohnen kommen in Jutesäcken in rohem Zustand in Mühlheim an. Anschließend röstet Mellert etwa die grünlichen Yirgacheffe-Bohnen aus Äthiopien, die an das Aroma von Erbsen erinnern. Leicht süßlich riechen die Bohnen aus Tansania. Mellert zeigt auch Ausschussware, die sie aufbewahrt, um Interessierten den Unterschied zu demonstrieren: Unebene und befleckte Bohnen.

Der Pfiff liegt in der Sortenreinheit, weshalb die Tasse hier wesentlich intensiver und nuancenreicher schmeckt als die aufgebrühte Billigvariante aus dem Discounter. Das Kaffeehaus im Rote-Warte-Viertel macht aber 90 Prozent seines Umsatzes über den Verkauf von frisch verpacktem Kaffee, je nach Wunsch gemahlen und ungemahlen.

In der Fachwelt genießt Mellert längst einen Spitzenruf. Seit Jahren gewinnen ihre Spezialitäten Medaillen der Deutschen Röstergilde in Berlin. Gemauschelt werden kann bei der Vergabe nicht, „die Juroren verkosten blind“. In diesem Jahr gewann ihre „Rote Warte Mischung“ wie schon 2011 die Goldmedaille.

Die Kundschaft kommt aus der ganzen Republik. Einer fährt extra aus Regensburg an, obwohl die Inhaberin ihm längst anbot, den Kaffee per Post zu senden. Andere sind am Vogelsberg oder in der Heidelberger Gegend zu Hause.

Anders als in Frankreich oder Italien neigen die Deutschen immer noch beim Essen und Trinken mehrheitlich dazu, für einen niedrigeren Preis schlechtere Qualität in Kauf zu nehmen. Da mutiert ein billiger Fusel gerne zum cleveren Schnäppchen, „kostet nur drei Euro, schmeckt aber super“.

Das halbe oder ganze Pfund Kaffee kostet bei Mellert natürlich mehr als die industriell ausgespuckten Packungen im Supermarkt. Dennoch zählen zu ihrer Kundschaft auch Rentnerinnen, die nicht unbedingt eine üppige Pension beziehen. Sie kennen Kaffee noch als Luxusgut der Nachkriegszeit, „deshalb schätzen sie die Qualität“.

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