Mühlheimer Verein Zugpferd ist auch in Corona-Zeiten für Jugendliche da

Mix aus Unterricht und Arbeit

Ehrenamtliche Gartenarbeit: Frank Sobanski vom Verein Zugpferd (links) hat mit Streetworker Christoph Kleinschmidt und Lehrerin Christina Schwab Hochbeete gepflanzt. archiv
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Ehrenamtliche Gartenarbeit: Frank Sobanski vom Verein Zugpferd (links) hat mit Streetworker Christoph Kleinschmidt und Lehrerin Christina Schwab Hochbeete gepflanzt. archiv

Unterricht zu schwänzen, kommt aus der Mode. Streetworker treffen in Mühlheim weit weniger Jungs als früher an: Der Sozialarbeiter und Vereinsvorsitzende Frank Sobanski berichtet über das Engagement von Zugpferd e.V. in Zeiten von Corona.

Mühlheim – Zugpferd arbeitet vor allem mit Jugendlichen, die nicht das Glück hatten, in Familien aufzuwachsen, in denen die Eltern willens und vor allem in der Lage sind, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Zu dem Verein, der im Lämmerspieler Wald im ehemaligen Forsthaus sein Domizil hat, schicken die „MainArbeit“ Offenbach und die „ProArbeit“ Dietzenbach Jugendliche, die unter dem Begriff „schulmüde“ firmieren. Minderjährige im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, die Mathe, Deutsch und Englisch als Quell ständigen Scheiterns erlebten und sich schließlich weigerten, überhaupt noch zur Schule zu gehen. Die Stadt Mühlheim und die Stadtwerke GmbH unterstützen Zugpferd mit weit mehr als warmen Worten.

„Unser Ziel ist es, die Jugendlichen zum Hauptschulabschluss zu führen“

Den Alltag auf dem Vereinsgelände bestimmt ein Mix aus Unterricht und Arbeit. „Unser Ziel ist es, die Jugendlichen zum Hauptschulabschluss zu führen“, erklärt der Diplom-Sozialarbeiter Frank Sobanski. Mit dem Zeugnis in der Tasche lasse sich auf dem Ausbildungsmarkt zwar nicht groß auftrumpfen, aber ohne gehe gar nichts. Sobanski erzählt, wie es vor Kurzem ein junger Offenbacher schaffte, erst den Hauptschulabschluss zu packen und dann in einer Glaserei als Lehrling anzufangen. „Nach zwei Praktika in der Firma konnte er loslegen“, freut sich Sobanski. Der Meister sei mit dem talentierten Auszubildenden sehr zufrieden, der einmal in der Woche zur Staatlichen Glasfachschule ins nordhessische Hadamar fährt.

Normalerweise ziehen die Arbeitsagenturen Konsequenzen, wenn Jugendliche morgens nicht bei Zugpferd erscheinen. In Corona-Zeiten steht es ihnen jedoch offen, ob sie kommen oder nicht. „Ganz am Anfang nutzten das manche aus“, erinnert sich Sobanski, „das wirkte wie erlaubtes Schule schwänzen“. Schnell spürten die Minderjährigen aber die Tristesse der Situation, „längst kommen alle“.

Viele erlebten im Lämmerspieler Wald das erste Mal das Gefühl, gebraucht zu werden, weil das, was Zugpferd produziere, Leute nutzen wollten. „Bei uns bestellen Kunden etwa Bänke und Tische aus Holz, die man im Freien aufstellen kann“, erklärt der 59-Jährige, dessen großer Vorteil es ist, sich nicht nur pädagogisch auszukennen, sondern auch mit den Händen arbeiten zu können. Vor seinem Studium hatte Sobanski eine Ausbildung zum Maler und Lackierer abgeschlossen.

„Zu den großen Verlierern in der Pandemie gehören die Jugendlichen“

Der Sozialarbeiter erzählt, wie Jugendliche in der Anfangszeit Probleme haben, pünktlich zu erscheinen. Die Ausreden variieren zwischen, „Bahn verpasst, kein Strom im Handywecker, mir war schlecht“. Sobanski beobachtet, wie sich die jungen Leute die so genannten Sekundärtugenden viel leichter aneignen, „wenn sie Verantwortung spüren“. So erwarte der Kunde, dass ein Auftrag fristgemäß erledigt werde. Besonders gut fühle sich die Anerkennung an, „wenn sich die Käufer freuen“.

Zugpferd kümmert sich auch weit außerhalb des eigenen Geländes um Mühlheimer Jugendliche. Ein Treffpunkt wie das JUZ dürfte noch länger geschlossen bleiben. „Zu den großen Verlierern in der Pandemie gehören die Jugendlichen“, beobachtet Sobanski. Schulen und Sportvereine fielen als Begegnungsstätten außerdem aus. Und jetzt stünden auch noch die Umbauarbeiten im Bürgerpark an.

Streetworker von Zugpferd laufen mit dem Bollerwagen durch Mühlheim und suchen Kontakt zu Jugendlichen. Dabei fiele auf, „dass mittlerweile weit mehr Mädchen als Jungs anzutreffen sind“. Sobanski vermutet, die Mädchen seien eher in der Lage, unter den erschwerten Bedingungen sozialen Kontakt zu halten, „die Jungs sind gefährdet, zu Hause vor Computerspielen zu versauern“.

Im vergangenen Jahr bauten die jungen Mitarbeiter von Zugpferd 17 Hochbeete, die heute etwa vor dem Rathaus, im Bürgerpark oder im Waldkindergarten stehen. Eigentlich stand auf dem Plan, an den Beeten Workshops für Kinder zu veranstalten. Die Idee fiel allerdings bisher der Pandemie zum Opfer. (Stefan Mangold)

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