Modellbahn-Anlage: Arbeit, die nie endet

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Besucher der Anlage machen oft große Augen.

Mühlheim - Das Prinzip ähnelt dem, das die Götter Sisyphus auferlegt haben. Der muss für alle Zeiten einen Felsblock den Berg hinauf schieben. Kurz vor dem Gipfel rollt der Stein wieder runter. Von Stefan Mangold 

„Der Weg ist das Ziel“, beschreibt Wilhelm Grupe die freiwillige Variante endloser Mühen: „Eine Modellbahn kann niemals abgeschlossen werden.“

Seit sechs Jahren feilen er und seine momentan elf Mitstreiter von der „Interessengemeinschaft größere Spuren I/II“ (IGGS-Rhein-Main) in einem Büroraum an der Dieselstraße an einer Miniatur-Eisenbahnstrecke. Der Begriff Miniatur ist dabei ziemlich relativ: Bisher liegen 150 Meter Schienen aus. Weitere folgen. Die Gruppe sägte bereits ein Loch in die Wand. Dort entsteht eine Klimakammer mit vier Gleisen.

Vor einem Vermieter, der sich ob der Umbauarbeiten echauffieren könnte, müssen sich die Modellbaufreunde nicht fürchten. Der Eigentümer der Immobilie ist einer von ihnen. Roman Hahn betreibt im Erdgeschoss sein von Sammlern geschätztes Fachgeschäft „Modellbahn Paradies“. Der 54-Jährige gehört dem formlosen Club an, der sich vor sechs Jahren bildete. Damals fragte Hahn Kunden, ob sie zur 20-Jahr-Feier seines Ladens eigene Stücke ausstellen wollten. Woraus die Idee entstand, gemeinsam eine Strecke von einem Ausmaß zu bauen, die für jedes Standard-Zuhause zu groß wäre.

Bis zu 150 Besucher

Wie kürzlich und bald noch einmal führen die Modellbauer den Zwischenstand ihres Werks dreimal jährlich dem Publikum vor. Darunter sind Eltern mit Kindern. Das Gros der Interessierten setzt sich offensichtlich aus Fachleuten zusammen, die sich nebenan bei Kaffee und Kuchen in einem Terminus austauschen, den der Laie nicht verstehen kann. Bis zu 150 Besucher schauen stets vorbei. Viele kommen immer wieder, um zu sehen, was sich änderte.

Die Lebensläufe der IGGS-Mitglieder ähneln sich, was ihr Steckenpferd betrifft. Wilhelm Grupe erzählt von seinem Vater, einem Eisenbahnbeamten, der ihn als Kind auf den Geschmack brachte. Ab seinem zehnten Lebensjahr fuhr Wilhelm täglich vierzig Kilometer von Bodenfelde nach Göttingen und wieder zurück mit dem Zug. „Ich wusste immer, in was für einem Typ ich gerade sitze.“ Später ruhte sein Hobby erstmal. Für seinen Sohn baute er die Modellbahn aber wieder auf. Der Nachwuchs zeigte sich jedoch auf Dauer weit minder begeistert als der Vater. Mittlerweile hat Grupe in der Familie einen Anhänger gefunden, „mein dreijähriger Enkel ist begeistert“.

Kleine Details deuten Hingabe an

Die kleinen Details deuten die Hingabe an, mit der sich erwachsene Männer jeden Montag ab 19 Uhr ihrer ewigen Aufgabe widmen. In eine Grube neben dem Gleis führen Leitern. Auf der ersten Ebene steht jemand auf einem Brett und schippt. Eine Etage tiefer schweißt ein Kollege: ständig flimmert blaues Licht heraus. An einem anderen Abschnitt ruhen sich zwei Bahnarbeiter aus. Mit einem Kasten Bier, in dem sechs Flaschen fehlen. Ein paar Meter weiter schmeißt jemand Geld in den Zigarettenautomaten. Es ist das Leben, das hier dargestellt wird.

„Es gibt Teile, die gehören der Gemeinschaft, andere bleiben im privaten Besitz“, erklärt Grupe. Falls jemand die IGGS verlässt, soll die hinterlassene Lücke so klein bleiben, dass die anderen trotzdem weitermachen können. „Allen gehört, was nötig ist, um den Zug im Kreis fahren zu lassen.“ So wie gerade der Rheingold-Express mit sechs Waggons. Mit dem Original reisten die Deutschen in den fünfziger Jahren durch die Republik.

Amerika-Ausstellung der Modellbahn-Convention

Amerika-Ausstellung der Modellbahn-Convention

Die Modellbauer berechnen die Geschwindigkeit ähnlich wie Hundebesitzer die Lebensjahre ihrer Vierbeiner. Fährt ein Zug mit 120 Stundenkilometern durch die Landschaft, zieht die Lokomotive tatsächlich mit der Geschwindigkeit eines sanften Sonntagsspaziergangs die Wagen hinter sich her: knapp unter vier Kilometer pro Stunde.

Wer am 15. Dezember zwischen 10 und 17 Uhr an der Dieselstraße 11 erscheint, kann für insgesamt fünf Euro Eintritt auch die europaweit bekannte Strecke im „Modellbahn Paradies“ betrachten. Kinder zahlen einen Euro, ganz kleine nichts.

Die Gruppe bildet keinen abgeschlossenen Kreis. Als Sebastian Kreuzinger (29) vor knapp einem Jahr lediglich durchs Internet informiert vorbeischaute, ohne jemanden zu kennen, „wurde ich mit offenen Armen aufgenommen“. Der IT-Spezialist versteht sich trefflich auf das Programmieren der Anlage. Außerdem gestaltet er mittlerweile die Homepage.

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