Drei Perspektiven aus Mühlheim

„Das Jahr ist gelaufen“ – Die Arbeitswelt von Betrieben während der Corona-Krise

Unternehmen während der Corona-Krise: Bei der Schreinerei Kramwinkel sind mehr als die Hälfte der Büromitarbeiter im Home Office, beim Autohaus Euler sind die Verkaufsräume geschlossen. 
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Unternehmen während der Corona-Krise: Bei der Schreinerei Kramwinkel sind mehr als die Hälfte der Büromitarbeiter im Home Office.

„Corona“ ist ungerecht. Die einen könnten Tag und Nacht schaffen, bei manchen geht’s weiter wie gewohnt, und bei vielen sind die Einnahmen komplett weggebrochen.

  • Das Coronavirus hält auch Mühlheim in Atem
  • Die Auswirkungen auf Betriebe und deren Arbeitswelt sind dabei oft komplett unterschiedlich
  • Drei Perspektiven aus der Corona-Zeit

Mühlheim – Dieses Bild spiegelt sich auch in der Mühlenstadt wider, wie ein Blick in eine Schreinerei, ein Autohaus und auf den Schreibtisch eines Veranstaltungsmanagers zeigt.

Coronavirus in Mühlheim: So geht es der Schreinerei Kramwinkel

Mehr als die Hälfte des Büro-Teams erledigt Arbeitsvorbereitung, Einkauf und Kalkulation von daheim im „Home Office“, auch der Seniorchef, Wolfgang Kramwinkel, sagt Florian Kramwinkel. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Schreinerei hat keine krankheitsbedingten Ausfälle zu beklagen, aber sechs Mitarbeiter in Urlaub oder zum Überstunden-Abfeiern geschickt. Sie kommen wechselweise mit den gerade Aktiven zum Zuge. Taucht in einer Mannschaft das Virus auf, wird die ganze Gruppe in Quarantäne geschickt.

„Bei uns wurde kein Auftrag storniert, nichts ist weggebrochen, aber auf den Baustellen läuft’s etwas langsamer“, erläutert Kramwinkel junior und verweist auf die Abstandsregeln. Ja, und etwas weniger Laufkundschaft, zählt er noch auf. „Die Anlieferung wird strenger reguliert, die Anmeldung ist nur über den Empfang möglich, um den Publikums- und Lieferantenverkehr aus der Produktion rauszuhalten.“

Coronavirus in Mühlheim: Mitarbeiter der Schreinerei arbeiten besonders vorsichtig

Kramwinkel fertigt allerdings auch keine „Corona-Produkte“ wie Plexiglas-Halterungen für Supermarktkassen. „Das lohnt sich für die kurze Zeit für uns nicht.“ Er sei froh, dass die Produzenten größtenteils lieferfähig sind, „das Plattenmaterial wird im Inland hergestellt“. Anders sehe es beim Nachbarn aus, da kommen die Fliesen aus Italien nicht, die Ersatzteile für Elektrogeräte aus China später. „Aber wenn es beim Hauptlieferanten jemanden erwischt...“

Viele Kollegen arbeiten mit besonderer Vorsicht bei älteren Kunden, statten in diesen Tagen eher Balkone und Terrassen anstatt Innenräume aus. Kramwinkel wünscht sich, „dass die Leute besonnen bleiben, keine Panik machen, nichts riskieren, sonst wird es doch noch härter“, meint er mit Blick auf die gebeutelte Wirtschaft.

Coronavirus in Mühlheim: Die Perspektive eines Autohauses

An anderer Stelle in der Mühlenstadt ist der lichtdurchflutete Verkaufsraum mit den blitzenden Karossen geschlossen, die aktuellen Modelle können beim Autohaus Euler nur online geordert werden. „Die Situation ist schlecht fürs Unternehmen, aber Gesundheit geht vor“, beteuert Filialleiter Oliver Winter. „Man hätte 14 Tage eher komplett runterfahren sollen, bevor es zum Ausbruch gekommen ist.“ Die Werkstätten sind geöffnet, denn „Krankenpfleger und andere, die aufs Auto angewiesen sind, brauchen Hilfe“, unterstreicht Winter, „wir sind da für die Menschen“.

Klar, die Hygiene-Ratschläge werden beachtet, „wir tun alles, um den Vorschriften zu genügen“: Am Eingang gibt’s Gummihandschuhe und Desinfektionsmittel, Markierungsbänder auf dem Boden, Plexiglasscheiben an den Theken, denn „Schutz für unsere Mitarbeiter ist uns wichtig“. Aber nur selten verirren sich Interessierte auf den Hof und drücken sich die Nasen an der Schaufensterscheibe der Gebrauchtwagen-Halle platt. Und weil derzeit kein Fahrzeug zugelassen wird, können Kunden aus anderen Bundesländern nicht einmal ihren Neuwagen abholen.

Auch beim Autohaus Euler sind in Zeiten der Corona-Pandemie die Verkaufsräume geschlossen.

Coronavirus in Mühlheim: Das Autohaus Euler – „Zwei Monate fast ohne Umsatz, das ist schon schwierig“

Euler habe Kurzarbeitergeld beantragt. „Wir hoffen, dass wir spätestens Ende des Monats wieder hochfahren können und schauen auf jeden Fall auf den 19. April“, sagt der langjährige Unternehmer Winter, „zwei Monate fast ohne Umsatz, das ist schon schwierig“. Wer Rücklagen habe, könne gestärkt aus der Krise hervorgehen, „Schwächere bleiben auf der Strecke“. So werde kaum ein Autohändler die gewohnten Boni vom Hersteller erhalten, weil keiner die geforderten Stückzahlen erreiche. „Das heißt finanzielle Einbußen, wenn die Autobauer nicht die Ziele absenken.“

Der Lämmerspieler nutzt die Zeit, um den Kundenstamm zu pflegen, Anrufe zu tätigen, Räder zu wechseln, Fahrzeuge herzurichten, Fotos auf der Internetseite überprüfen, Abrechnungen erledigen, Vorführwagen von Winter- auf Sommerreifen umrüsten. Beim Abholen wird es künftig nur eine abgespeckte Einweisung geben: Der Verkäufer sitze nicht auf dem Beifahrersitz, der Kunde müsse sich selbst ins Handbuch einlesen. „Das Jahr ist gelaufen“, meint Winter, „das wirst du nicht mehr aufholen.“

Coronavirus in Mühlheim: Veranstaltungsmanager klagt über hohe Verluste

Den meisten Einzelhändlern geht’s nicht besser „Keiner wird eine Bluse bei der Boutique in der Bahnhofstraße im Internet bestellen“, schätzt Christian Felix Frost vom Gewerbeverein. Auch der Projektleiter für große Preisverleihungen und Messen selbst gehört zu den Verlierern. „Es ist eine Katastrophe, 100 Prozent Verlust allein seit Mitte März bis Juni“, klagt der Mann, der auch den Verein Artificial Family führt.

Für die Musikmesse hatte er die Vorplanung schon gemacht, auch für die Vergabe des German Innovation Award. Ebenso wurde die Feier um den höchst dotierten Medizinpreis abgesagt, und natürlich sämtliche Veranstaltungen in Capitol und Stadthalle Offenbach, in Bad Nauheim und Alzenau, wo Frost als freier Bühnenmeister tätig ist. „Das sind mehrere 10 000 Euro Verlust.“ Er habe Fördergeld beantragt und wolle sich Geld leihen. Zum Glück sei seine Frau Lehrerin mit einer halben Stelle.

VON MICHAEL PROCHNOW

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