Die ewige Wiederkehr des Gleichen 

Theatergruppe „Die Teilzeitdenker“ nach fünf Jahren Pause im Schanz

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„Erst seit 67 Jahren“ arbeitet die jungen Frau (Anisé Özata-Calgici) mit Lagerist Hermile Lebel (Pascal Schilling) in ihrem Job: eine Szene aus dem Stück „Vergessen“. 

Kein Weg führt aus dem Krieg, die Gewalt bestimmt alle Geschichten: „Vergessen“ heißt das Stück, das die Laientheatergruppe „Die Teilzeitdenker“ nach fünf Jahren Pause  – hoch professionell gespielt und inszeniert – in Mühlheim aufführt. 

Mühlheim – Wer am Samstag (12.10.2019) nicht deutlich vor der Zeit erschien, hatte Probleme, in der Kulturhalle Schanz einen Platz zu finden. Es beginnt, und niemand merkt es. Das Geschehen schleicht sich in den gastronomischen Betrieb. Wenn die einen Geschirr durch den Raum tragen, fällt es nicht auf, wenn die anderen Kisten schleppen. 

Dann beginnt jemand auf breitem Hessisch laut zu reden. Der Lagerist Hermile Lebel (Pascal Schilling) klingt wie aus einem Badesalz-Sketsch entsprungen. Der Chef fragt seine junge Mitarbeiterin (Anisé Özata-Calgici), wie lange sie hier schon arbeite. „Erst seit 67 Jahren“, lautet deren Antwort. Lebel erzählt aus der ewigen Wiederkehr des Gleichen, von seinen Erfahrungen im alten Ägypten und Griechenland. „Alles ereignet sich in der Geschichte zweimal: einmal als Tragödie, das andere Mal als Farce“, zitiert der Lagerist Karl Marx.

Mühlheim: Auftritt nach fünf Jahren Pause - Laientheatergruppe „Die Teilzeitdenker“ 

Nach langer Pause führte die Theatergruppe „Die Teilzeitdenker“, deren Wurzeln im Abiturjahrgang 2008 des Friedrich-Ebert-Gymnasiums liegen, am Samstag die zweite von vier Vorstellungen des Stücks „Vergessen“ auf, frei nach dem Werk „Verbrennungen“ des libanesisch-kanadischen Autoren Wajdi Mouawad. Regie führt Philippe Bender.

Die Szenerie spielt im Nahen Osten, letztlich aber überall in Raum und Zeit. Die verstorbene Mutter gab den Zwillingen Jeanne (Laura Katharina Mücke) und Simon Marwan (Hans Kwol) durch ihr Testament den Auftrag, ihrem unbekannten Bruder und dem tot geglaubten Vater jeweils einen Brief im Kuvert zu übergeben.

Die Gewalt bestimmt, Tragödie und Farce verschwimmen. Die einen vergewaltigen und morden, um den anderen ihre Gräuel heimzuzahlen. Eine Spirale, die sich vom Anfang der Geschichte bis zu deren Ende windet. Der Beginn des Wechselspiels aus Ursache und Wirkung ließ sich noch nie aufdröseln. „Man muss den Faden zerreißen“, lautet ein Leitmotiv, das verhallt.

Laientheatergruppe „Die Teilzeitdenker“ in Mühlheim: Weiterer Auftritt

Der Krieg gehört zum Leben wie das Wetter. „Ohne Waffen und Uniform wärst du mein Bruder“, referiert ein Soldat, der gerade zum ersten Mal einen Menschengetötet hat. Nicht nur eine Petitesse der Menschheitsgeschichte, sondern auch im offiziellen Frontbericht des Tages. Der fasst sich kurz: „Im Westen nichts neues.“

Die Inszenierung spielt zwischen vier Rumpelkammern zu allen Himmelsrichtungen mit Accessoires wie aus dem Trödelladen. Alles Geschehen bewegt sich im Absurden.

Die Mutter (Sarah Abou Taka) der Zwillinge stellte fünf Jahre vor ihrem Tod das Sprechen ein. Angeblich, weil die Frau über Jahre Kriegsprozesse verfolgte. Deren Pfleger hatte 500 Stunden ihrer Stille auf Kassetten aufgenommen, die sich Tochter Jeanne zum Unmut ihres Bruders Simon anhört. Jeanne will aus dem gesammelten Schweigen der Mutter „etwas verstehen, dass sich dahinter verbirgt“. Simon vermutet, „da gibt es nichts zu verstehen“.

Letztlich gilt in „Vergessen“ das Resümee aus „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre, mit dem die Teilzeitdenker vor mehr als zehn Jahren starteten: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Am Montag (14.10.2019) beginnt um 19 Uhr die letzte von vier Vorstellungen im Schanz, Carl-Zeiss-Straße 6. Karten gibt es im Mühlheimer Buchladen (Bahnhofstaße 17), im Dietesheimer „Le Bel Étage“ (Elisabethenstraße 32) zu elf Euro sowie an der Abendkasse (13 Euro).

Von Stefan Mangold

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