Gegen das Vergessen

Ausstellung im Rathaus zeigt Frauen im Widerstand gegen Nationalsozialismus

Ausstellung im Rathaus: Anke Kähni (links) und Gudrun Monat vor der Tafel von Lore Wolf, der Frankfurterin, die fünf Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte.
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Ausstellung im Rathaus: Anke Kähni (links) und Gudrun Monat vor der Tafel von Lore Wolf, der Frankfurterin, die fünf Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte.

Häftling Lore Wolf hatte in Frankfurt als vermeintliches SA-Mitglied gefälschte Aufrufe geschrieben, Carola Karg wurde im Januar 1934 in Düsseldorf beim Transport von Flugblättern verhaftet und kam ebenfalls erst 1945 wieder frei.

Mühlheim – Im Zusammenspiel des Mühlheimer Frauenbündnisses mit dem Frankfurter „Studienkreis Deutscher Widerstand 1933 – 1945“ hat die städtische Frauenbeauftragte Eva Scholz im Foyer des Rathauses die Ausstellung „Nichts war vergeblich – Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ eröffnet. Zur Begrüßung betont sie, der Widerstand von Frauen während der NS-Zeit sei nach wie vor ein Thema, das zu wenig erforscht sei. Ingrid Till berichtet, wie das von ihr 1988 mitgegründete Mühlheimer Frauenbündnis immer wieder das Thema „Frauen im Nationalsozialismus“ behandelte. „Wir luden Zeitzeuginnen ein und besuchten die KZ-Gedenkstätten Hadamar, Ravensbrück, Natzweiler Struthof, Osthoffen und Moringen.“

Christiane Bastian vom „Studienkreis Deutscher Widerstand“ erzählt, wie sich in der niedersächsischen Kleinstadt Moringen in den 80er-Jahren Unmut gegen eine Ausstellung im Bürgerhaus regte, die sich um das einstige KZ am Ort drehte, in dem erst Frauen, später Jugendliche einsaßen. Bastian erwähnt in ihrem mit Mühlheimer Frauen vorgetragenen Referat, bis in die 60er-Jahre hätten im öffentlichen Bewusstsein in puncto Widerstand fast nur die Männer des 20. Juli von 1944 eine mediale Rolle gespielt. Als einzige Frau habe Sophie Scholl von der Münchner Weißen Rose Erwähnung gefunden – das wiederum meist nur als Schwester von Hans Scholl. Die Geschwister starben im Februar 1943 wegen „Hochverrat und Wehrkraftzersetzung“ in München unter dem Fallbeil.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galten Menschen aus dem Widerstand ohnehin nicht als Helden. „Hitler stellte sich über Gott, und die Nazis beteten ihn an“, sagte die Sintezza und Auschwitzüberlebende Anna Mettbach. Später war das den meisten peinlich, die nun konstatieren, „wir konnten nichts machen“. Christiane Bastian erwähnt auch die Frankfurter Kommunistin Lore Wolf, die 1940 im Pariser Exil in die Fänge der Gestapo geriet und bis Kriegsende in Zuchthaus und KZ saß. Später erzählte Wolf, wie sie nach dem sogenannten Röhm-Putsch im Sommer 1934 als vermeintliches Mitglied der SA im entsprechenden Jargon ein Flugblatt schrieb, das Mitglieder der Straßentruppe dazu aufrief, für die „zweite Revolution“ zu sorgen, die eine soziale sein sollte.

Eine wie die 1910 geborene Carola Karg verurteilte der Volksgerichtshof zu 15 Jahren Zuchthaus. Die schwer Gefolterte hatte während ihrer elf Jahre Haft Gnadengesuche gestellt. Das verübelten ihr nach dem Krieg jene Genossen, die von Menschlichkeit nur in der Theorie viel hielten, „sie wird aus der KPD und dem VVN ausgeschlossen und erst spät rehabilitiert“. Karg zog nicht die Konsequenz im Sinne von „ihr könnt mich jetzt mal“. Im Jahr 1969 ließ sich die Frau von der DKP wieder aufnehmen.

Zwischendurch spielt Luise Weber auf der Geige Stücke des einst unter dem Bann „entartete Kunst“ stehenden Komponisten Paul Hindemith, der in Mühlheim die Grundschule besucht hatte. Wie Hindemith gingen auch Berthold Brecht und Hanns Eisler ins Exil, aus deren Federn das Solidaritätslied stammt, das Weber ebenfalls intoniert.

Bürgermeister Daniel Tybussek lobt die Ausstellung als Beitrag, „dass es wichtig ist, zu seiner Meinung zu stehen und für Überzeugungen einzutreten“. An der Bildtafel der 1991 verstorbenen Lore Wolf erzählt der in Frankfurt aufgewachsene Otto Wagner vom Bündnis „Bunt statt braun“, wie die ihm bekannte Lore dafür sorgte, dass ein Manuskript von Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“ 1939 von Mexiko nach Frankfurt kam.

Die Ausstellung im Rathaus-Foyer (Friedensstraße 20) ist noch bis Dienstag, 11. Februar, zu den gewohnten Öffnungszeiten zu sehen.

VON STEFAN MANGOLD

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