Interview

Schule während Corona: „Der Unterricht ist schon sehr eingeschränkt“

Aufsicht mit Maske: Schulleiter Stefan Sturm beobachtet das Treiben auf dem Hof des Ebert-Gymnasiums.
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Aufsicht mit Maske: Schulleiter Stefan Sturm beobachtet das Treiben auf dem Hof des Ebert-Gymnasiums.

Der Alltag in der Schule ist seit Beginn der Corona-Pandemie ein anderer geworden. Darüber spricht Stefan Sturm, Leiter des Friedrich-Ebert-Gymnasiums in Mühlheim, im Interview.

Mühlheim – Maskenpflicht, Unterricht bei offenem Fenster, Abstand halten auf dem Pausenhof: Der Schulbesuch in Corona-Zeiten unterliegt einigen Einschränkungen. Wie sind die Vorgaben im Alltag zu bewältigen und wie verhalten sich Schüler und Lehrer? Stefan Sturm, im neunten Jahr Leiter des Friedrich-Ebert-Gymnasiums, über die wohl herausforderndste Phase seiner Berufslaufbahn:

Wie wohl fühlen Sie sich dabei, jeden Morgen in dieser aktuellen Lage in die Schule zu müssen?

Es stellt sich jeden Morgen die spannende Frage: Was wird mich erwarten? Gibt es Neuigkeiten in Bezug auf Corona? Diese können sein, dass es Lehrkräfte oder Schüler betrifft, die aufgrund von Angehörigen kurzfristig in Quarantäne gestellt werden oder selbst betroffen sind. Spannend ist auch immer, welche Vorgaben plötzlich vonseiten des Kultusministeriums oder des Staatlichen Schulamts auftauchen. Obwohl es da jetzt ruhiger geworden ist. Vor einem halben Jahr haben sich da die Nachrichten häufig überschlagen.

Hat sich Ihr Arbeitstag durch Corona um ein Vielfaches verlängert?

Nicht verlängert, aber verändert. Corona ist ein Thema, das mich jeden Tag überwiegend beschäftigt. Bestimmte andere Dinge, die mir wichtig sind, muss ich leider einschränken.

Zum Beispiel?

Im Lehrerzimmer präsent sein, intensive Gespräche mit Lehrkräften zu führen, Besuche im Unterricht zu machen: Das fahre ich im Moment zurück. Den eigenen Unterricht mache ich nach wie vor sehr gerne. Manchmal ist es wie „Erholung“, wenn ich unterrichten darf, weil ich dann das machen kann, was ich ursprünglich mal gelernt habe. Aber das ist auch alles ein Nebenschauplatz geworden.

Corona in Mühlheim bei Offenbach: Einfluss auf den Schulunterricht

Wie viel Spaß macht denn der Unterricht in Corona-Zeiten?

Ich habe zum Beispiel gerade eine fünfte Klasse, mit der ich im Englisch-Anfangsunterricht normalerweise sehr viele kreative Sachen mache, Lieder singe, rumlaufe, mal das Klassenzimmer verlasse. Geht alles nicht. Der Unterricht ist schon sehr eingeschränkt, methodisch sehr reduziert auf die Vermittlung von Dingen. Ganz selten kann ich die Maske mal absetzen, wenn es beispielsweise wichtig ist, dass man etwas abliest von den Lippen. Immer Abstand halten und nicht auf die Kinder zugehen, das ist gerade mit den Kleinen schwierig.

Gibt es Dinge, die nun durch Corona in den Unterricht eingeflossen sind, die für die Zeit danach von Vorteil wären?

Beim Unterrichten selbst sehe ich keine Vorteile, eher die Nachteile und die Einschränkungen. Was sonstige Abläufe angeht, gibt es schon das ein oder andere, bei dem wir überlegen, ob wir das weiterführen. Zum Beispiel haben wir bestimmte Pausenbereiche bestimmten Jahrgangsstufen zugeordnet. Die Schüler werden dort von den Lehrkräften abgeholt und gehen gemeinsam in den Klassenraum. Das heißt, sie gehen nicht selbstständig zu den Klassenräumen und lungern vor dem Unterricht auf dem Flur herum. Das bringt schon mehr Ruhe und Disziplin in die Schulgebäude.

Stichwort Disziplin: Wie gehen die Schüler mit der besonderen Situation um? Hat sich da Routine eingeschlichen?

Ein bisschen, ja. (Sturm steht auf und holt einen Zollstock.) Nach dem Lockdown sind wir auf dem Schulhof rumgelaufen und haben den Schülern gezeigt, was 1,50 Meter sind. Allerdings funktioniert das Abstandhalten nach meinem Dafürhalten nicht gut. Da würde ich mir von den Schülern mehr Einsicht wünschen. Es ist aber auch schwierig, wenn die Klassen nach wie vor so voll sind und in den Räumen keine Abstände eingehalten werden können. Dann ist es schwer vermittelbar, wenn auf dem Pausenhof etwas anderes gilt. Was die Schülerinnen und Schüler aber inzwischen richtig gut machen, ist das Tragen von Masken. Damit bin ich insgesamt sehr zufrieden.

Mühlheim bei Offenbach: Corona als Gefahr für Schüler

Ist den Schülern denn gewahr, dass es eine gefährliche Situation ist?

Das müssten wir die Schüler natürlich selbst fragen. Aber viele verstehen es nicht und leben auch im Privatleben nicht so coronakonform, wie man sich das wünschen würde. Es gibt aber auch einige, die sich große Sorgen machen und wissen, dass sie nicht nur eine Verantwortung für sich selbst, sondern auch beispielsweise für ihre Großeltern haben. Man kann es nicht allgemein sagen, aber viele ältere Schüler sind da eher nachlässig. In der Schule halten sie sich noch zwangsweise an die Regeln, aber sobald sie draußen sind, gelten für sie andere Verhaltensweisen.

Wie steht es um die Kinder, die es schon vor der Krise nicht leicht hatten. Werden die nun besonders abgehängt?

Jetzt aktuell nicht, aber zu Zeiten des Lockdowns und des Distanzunterrichts im Frühjahr mag das im Einzelfall schon so gewesen sein. Diejenigen, die Eltern haben, die ihnen helfen können, und auch den Raum und die Arbeitsmaterialien hatten, waren schon im Vorteil gegenüber denen, die das nicht hatten. Aber sollte es noch einmal zu Distanzunterricht kommen, wären jetzt die Bedingungen andere. Da der Kreis Offenbach nun für die Schüler, die es benötigen, auch Leih-Laptops zur Verfügung stellen kann. Allein für unsere Schule stünden mehr als 100 bereit.

Schule und Corona in Mühlheim bei Offenbach: „Gut auf Distanzunterricht vorbereitet“

Wie digital ist Ihre Schule?

Wir haben eine technische Ausstattung, die gut ist und auch in der Oberstufe seit Jahren eine Plattform, mit der wir ohnehin schon arbeiten. Seit neuestem haben wir MS-Teams. Wir sind also auf Distanzunterricht vorbereitet, haben auch einen pädagogischen Tag dazu abgehalten. Die Schüler haben ebenso ihre Zugangsdaten dieser Tage bekommen.

Gab’s Personalengpässe bei den Lehrern?

Personalengpässe haben wir derzeit nicht. Wir haben schon eine Reihe von Kollegen, die mit Personen aus Risikogruppen zusammenleben. Die sagen aber, dass unser Hygienekonzept so gut ist, dass sie in den Unterricht gehen wollen. Die Kollegen sind mit FFP2-Masken ausgestattet, achten auf Abstände und wollen den Präsenzunterricht aufrechterhalten. Das zeigt für mich, wie engagiert unser Kollegium ist und was hier für eine Stimmung herrscht. Da bin ich echt stolz auf mein Kollegium.

Corona in Mühlheim bei Offenbach: Bessere Kommunikation mit dem Kultusministerium

Haben Sie das Gefühl, die Politik unterstützt Sie da, wo Sie Hilfe brauchen?

Unterstützung gab’s schon. In den ersten sechs bis acht Wochen der Pandemie war es schon belastend, dass wir zum Teil erst nach der Öffentlichkeit informiert worden sind, dass man sich auf Basis von Gerüchten irgendwie durchwurschteln musste und dass wir auch spät Vorgaben bekommen haben, nachdem wir bereits unsere eigenen Lösungen gefunden hatten. Das hat nicht immer zusammengepasst. Dazu muss ich aber auch sagen: Die Menschen, die in der Politik Verantwortung tragen, haben mit so einer Situation auch noch nie zuvor zu tun gehabt. Da habe ich auch Verständnis dafür, dass da nicht alles gut läuft.

Und jetzt läuft’s?

Ich habe meinen Unmut intern beim Kultusministerium geäußert und habe auch wahrgenommen, dass sich das Kommunikationsverhalten des Kultusministeriums gegenüber den Schulen deutlich verbessert hat und wir jetzt auch nicht mehr über Nacht Sachen umsetzen müssen, sondern ausreichend Planungsvorlauf bekommen. Hoffentlich bleibt das auch so, wenn es um die Umsetzung möglicher Planungsszenarien geht.

Das Gespräch führte Ronny Paul.

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