Erhitzte Gemüter

Betriebsleiter erzählt: So ist der Alltag im Lämmerspieler Freibad

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Der Alltag der Bademeister Dennis Schmidt und Roland Peterson (links): Stets auf der Hut, dass niemand ertrinkt und sich dann noch um schlechtes Benehmen kümmern.

Der Betriebsleiter des Lämmerspieler Freibads erzählt, wie der Alltag im Bad abläuft. Da kann es auch schon mal erhitzte Gemüter geben. 

Mühlheim – Ein wenig erinnert die Aufgabe eines Bademeisters am Beckenrand an die Situation des Torhüters. Ewig sieht er keinen Ball, muss aber sekündlich mit einem Angriff rechnen. Wenn Roland Peterson im Freibad von Lämmerspiel unter dem Schirm sitzt, lässt er das Becken keine Sekunde aus den Augen.

Wie der Tag in etwa werden wird, das lässt sich am Wetterbericht ablesen. Peterson spricht von der 30 Grad-Grenze. Dann steigt die Besucherzahl um das Drei- bis Vierfache. Der 56-Jährige stand an diesem Tag früh auf. Mit dem Aufschließen des Hallenbads in Mühlheim am Bürgerpark begann sein Dienst um 5.30 Uhr. Dort begehren bereits um sechs Uhr Rentner und Berufstätige Einlass. Im Hallenschwimmbad erlebte der Betriebsleiter das einst erste Mal, wie wenige Sekunden zwischen Leben oder Tod entscheiden können. Im Becken hielten sich Eltern mit ihrer zweijährigen Tochter auf, die sich weit mehr mit sich selbst als ihrem Kind beschäftigten. Peterson hatte in seiner Kabine etwas zu erledigen, als plötzlich die Mutter hereinstürmte und dem damals noch jungen Bademeister ihr lebloses Kind entgegenhielt. Peterson nahm das Mädchen und rief der Mutter ein „raus jetzt!“ zu. Nach der zweiten Beatmung öffnete die Kleine die Augen, „ein Anblick, den du nie vergisst“.

Immer wieder wundert er sich vor allem im Freibad über den Leichtsinn von Eltern, die sich auf die Wiese legen und ihren Nachwuchs im Nichtschwimmerbecken sich selbst überlassen. Der Bademeister beobachtet regelmäßig, wie die Kleinen sich dann selbstständig machen, um älteren Geschwistern in das Schwimmerbecken nebenan zu folgen: „Ihre Eltern delegieren die Verantwortung.“

Generell beobachtet der Bademeister, ähnlich wie Polizisten oder Rettungspersonal, zunehmend ein Verhalten, das nicht gerade für ein soziales Miteinander steht. Peterson sprich über einen Vater, der auf einer Matte im tiefen Wasser seinen Sohn platzierte, um ihn zu fotografieren. Der Bademeister rief ihm zu, er selbst müsse kurz etwas in der Technik erledigen, er solle sich auf keinen Fall von der Matte entfernen. Als Peterson wieder kam, hielt sich der Vater am anderen Ende des Beckens auf. Der Sohn ruderte im Wasser. Sein Vater hielt jedoch nichts von Selbstkritik, „der brüllte mich an, was mir einfiele“. Der Badegast tickte derart aus, „dass ich ihn aus dem Schwimmbad verwies“.

Wenn er die Leute bei Gewitter auffordere, zum eigenen Schutz das Schwimmbad unverzüglich zu verlassen, erlebt Peterson regelmäßig ähnliche Reaktionen wie vor Kurzem, als es auf dem Grundstück nebenan brannte. Wegen Rauchgefahr ließ er das Bad räumen. Viele forderten lauthals ihr Geld zurück, „als könnten wir es uns bei Gefahr im Verzug erlauben, eine Menschenschlange abzufertigen“.

Peterson sagt, das Problem sei nicht, dass sich Jugendliche mitunter daneben benehmen. Früher sei es aber mit einer kurzen Ansage möglich gewesen, sie zur Raison zu bringen. Heute müsse er sich Sätze wie „Was willst du, Bademeister?“ oder „Ich hab‘ nichts gemacht“ anhören. „Seit zwei Jahren brauchen wir Sicherheitsleute“.

Rettungsschwimmer Dennis Schmidt, Teilzeitkollege von Peterson, erzählt, wie er nach einer Schicht von zwölf Stunden mit der Zange über den Zaun den Müll vom Nachbargrundstück fischte. Der 32-Jährige konstatiert, mit Einzelnen könne er vernünftig reden, im Jungmännerverbund aber müssten sie ihre Macho-Posen einnehmen. Roland Peterson berichtet, wie ein Jugendlicher anrief und verkündete, er wolle im Schwimmbad gerichtlich verordnete Sozialstunden ableisten. Als der Bademeister erläuterte, dafür sei man nicht ausgestattet, bekam er zu hören: „Wenn ich dich sehe, hau ich dir aufs Maul.“

VON STEFAN MANGOLD

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